Neulich bemerkte ich einen Bettler, der in einer Eingangsnische außerhalb eines leerstehenden Restaurants hauste. Er, ein junger Kerl, augenscheinlich keine Dreißig, mit grün gefärbten Haaren, hatte sich eine Art Verschlag aus wohl geklauten Einkaufswagen, Plastikplanen und Decken zusammengeschustert. Erinnerungen keimten auf; als 9jähriger hatte ich mir Ähnliches gebastelt, und mir dabei vorgestellt, ein Indianer zu sein. Ein Guter. Selbstredend vermochte ich es in meiner kindlichen Vorstellung, rücklings ein Pferd zu reiten, schnell wie der Wind, und einem bösen Cowboy auf hundert Schritt einen Pfeil zwischen die Augen zu jagen. Klar.
Zeitig belesen, war ich beseelt von Harka Steinhart, Sohn des Mattoutaupa, einem Sioux-Stammeshäuptling, dem Kriegshäuptling der „Bärenbande“, und eine dichterische Erfindung von Liselotte Welskopf-Henrich. Einfach wunderbar.
Der Bettler mit den grünen Haaren sah gequält aus, geschafft, kränklich. Aber nicht er fesselte meine Aufmerksamkeit, er oder sein unübersehbares Elend, und auch nicht die seltsame Konstruktion seines zugigen Zuhauses, nein, dafür sein Hund. Eine Promenadenmischung, halbgroß, schwarz, entspannt wedelnder Schwanz, lachende, quicklebendige Augen. Das Tier strahlte auch nicht die typische hündische Unterwürfigkeit von Artgenossen aus, sondern einfach pure Lebensfreude. Der Hund schien glücklich zu sein.
Ich passierte das Sittenbild innerhalb weniger Sekunden, aber es reichte, um zu wissen, dass es mitunter besser ist, nicht zu wissen, wer man ist. Wie der Hund.
Unwissend zu bleiben, sogar dumm, kann vor zerfressender Selbsterkenntnis schützen. Der Bettler war offensichtlich, trotz seiner erbärmlichen Situation, klug genug zu wissen, in welchem Elend er sich befindet. Zustand, Habitus, Augenausdruck sprachen eben dafür.
Im Wissen liegen eben nicht nur Macht und Können, sondern auch Ohnmacht und Unfähigkeit. Zu wissen, wer man ist und dabei konstatieren zu müssen, nicht zu vermögen, kann bei ambitionierten Charakteren zu Verdammnis führen.
Als Hund oder – um auf den Menschen zu kommen – oberflächliche, geistig beminderte, empathielose „Amöbe“ hingegen lebt es sich doch viel einfacher, sogar schöner/besser, weil der Amöbe Maßstab des Schönen/Besseren bescheiden-limitiert skalierbar ist; eine solche menschliche „Amöbe“ weiß nicht, was Verdammnis ist, geschweige denn, was ein solcher Abgrund wirklich bedeutet. Sie weiß allenthalben zwischen heiß und kalt, süß und salzig, gut und böse zu unterscheiden. Bei „schön“ und „hässlich“ hört es indes schon auf, denn die Bedeutung des Goldenen Schnitts wäre für die „Amöbe“ ein unentschlüsselbares Rätsel, ebenso wie die Schönheit im Hässlichen oder asymmetrische Harmonie.
Infrage stellender Tiefsinn ist ihr ebenso unbekannt, wie es ihr unmöglich wäre, des Künstlers Rebellion, dessen inneres Ringen zu begreifen. Allenfalls das Ergebnis, ein vielsagend-kraftvolles Bild etwa, ein Text gallileischer Offenbarungsweite, oder berührende Musik, führen im Unwissenden, im amöbengleichen Menschenwesen, zu einer es selbst verblüffenden Reaktion: Oh. Ah. Uff.
Es, das „Amöbenwesen“, lebt ein schönes Leben und wähnt sich einigermaßen blickig, weil es es nicht besser weiß.
Ist der Mensch indes keine „Amöbe“, sondern schlimmenfalls ein nicht unkluger Bettler, vielleicht sogar ein Diogenes, muss für diesen die Hölle zutage treten. Auch, wenn er es nicht zugeben mag.