EDEN

„Wenn ich es mir hätte aussuchen können, wann mich unique ergriff, was bis heute anhält, fiele meine Wahl auf 1983. Das Jahr, in dem  Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow sich weigerte, unmittelbar nach einem augenscheinlichen US-Atombombenangriff einem vorgeschriebenen Protokoll zu folgen, um einen atomaren Gegenschlag der Sowjetarmee führen zu können.

Der Alarm erwies sich als falsch, Stanislaw als Held und begründete vielleicht eine neue Zeitrechnung. Ein würdiges Jahr.

Doch die Fügung wollte es anders. Weder wurde Stanislaw standepede geehrt (erst 20 Jahre später), schon gar nicht durch eine neue Zeitrechnung, und ich musste mit 1984 vorlieb nehmen. Immerhin gewann Katharina Witt Olympisches Gold.

Es war Sommer, ich 16, und einzig die brennende Jugend in mir bezwang meine Angst davor, jawohl, pure Angst, nicht in jene Lokalität gelassen zu werden, die vielsagend als Eden titulierte.

Der Garten Eden, was sonst.

Heute frage ich mich schon, weshalb die damals Verantwortlichen, allesamt DDR’sche Atheisten, ausgerechnet das christliche Paradies als Namen erkoren, aber das ist eine andere Geschichte. Und wenn Namen Programm sind, was spielt dann Religion für eine Rolle?

Bereits Tage zuvor, als klar war, dass mein erstes Mal im Eden bevorstand, arrangiert von einem Stammgast, zehn Jahre älter als ich, der erstens meinte, ich gehöre dahin und zweitens, ich gehöre da definitiv hin, entfaltete das Eden seine Wirkung auf mich. Etwa: Was ziehe ich an? Komme ich auch rein? Bin ich auch cool genug? Reichten die knapp 50 Mark, die harakirisch darauf warteten, ausgegeben zu werden?

Und als ich mir alles mehr oder weniger zurechtgebogen hatte, ging’s auf die Reise.

Hinter Uwes breitem Rücken – war es gegen 19.30 Uhr? – schnitten wir heißklingig durch eine breite Masse modisch herausgeputzter, avantgardistisch aussehender Wartender vorbei, doch zwei Meter vor der Einlasstür im 1. Stock war Schluss, das Gedränge stoppte uns. So hingen wir eine Weile zwischen den Welten, diesseits und jenseits. Neben mir eine blutjunge Frau, die mich an meine Natur gegebene Pflicht der Paarung hätte erinnern sollen, so hübsch war sie, doch daran dachte ich gerade nicht.

Die Tür ging auf, ein männlicher, großer, blonder Lockenschopf erschien, schüttelte mit dem Kopf, meinte, es hätte ja heute keinen Sinn zu warten, nur Vorbestellungen könnten berücksichtigt werden, deutete sodann einladend auf Uwe, der – nachdem er mir zuflüsterte „… das is’ er, der große Gerhard“ – … mich mitzog. Die Grenze, die jener Blondschopf für mich ausmachte, war überwunden, ich war … drin.

Bis dahin kannte ich nur Schuldiskotheken.   Schlecht gemixte Drinks. Ein bisschen Ferienlager. Private Partys. Klar. Wie eine Seifenblase zerstob die Vergangenheit, denn ich wusste, was ich zukünftig wollte. Dabei sein. Im Eden.

Kaum drinnen, hob mich gleichsam thermisch eine Kraft empor. Zu schweben, hatte ich schwerlich erwartet. Doch was ich sah, korrespondierte mit dem, was ich spürte: Ich ritt auf Wolken.

Ballet Dancer dröhnte aus den Boxen, eine die Tanzfläche flankierende Leuchtwand spielte Stakkato, Menschen tanzten so, wie ich es noch niemals zuvor sah, ansteckend, mitreißend, verquer schön. Und überall diese attraktiven Menschen, was nicht nur an ihrer physiognomischen Symmetrie lag …

Viele kannten sich untereinander, fiel mir sofort auf. Es war indes keine Familie, die mich empfing, es war eine verschworene Gemeinschaft.

Ein halbes Leben später haben sich diejenigen, die damals jenen Potpourri ausmachten, ihm ihren Spirit einhauchten, nicht mehr viel zu erzählen. Wen interessiert es wirklich, wer was, wann und warum, im Westen oder Osten, so mit sich und seinem Leben tat?

Aber es ist mehr, als nur eine verstaubte Reminiszenz, die noch heute verbindet, denn das, was in Leipzig damals möglich war, konnte nur in dieser Stadt und nur in dieser Zeit gefügt werden. Eine Avantgarde die weder von Dünkel noch Geld geschmiedet wurde, weder Herkunft noch Politik, so wie in allen anderen Städten, sondern dem sich Hingeben eines Zeitgeistes, den nur wir, ja, wir, verstehen.“