Madame de Poteau fixierte – im Café mit einem Fremden sitzend – ihr Gegenüber schamlos offensiv; Paris in 1867, so fühlte sie, befand sich ohnehin im Wandel.
Allein die Weltausstellung auf dem Champ des Mars zündete in wohl jedem Besucher die Flamme der Veränderung. Und „en passant“ wurde Althergebrachtes durch praktisch alle Schichten der französischen Kapitale hinweggerauscht durch Millionen Opiumpfeifen. Eine neue Zeit brach an. Mit ihr der Aufbruch in eine Epoche, auch in eine solche der Aufgeklärtheit. Eine Epoche, in der die Kraft und Chuzpe der Frauen nicht mehr eingemörtelt wurde von hochbetagten, missgünstigen Männern, deren Falten wie altbackene Bücher wirkten. Nein, wusste Madame de Poteau, diese Zeiten waren vorbei. Und selbstverständlich blickte sie während eines Gespräches mit einem Mann, einem fremden, forschend in dessen Gesicht, anstatt irgendeine Patina vorzugaukeln.
Fasziniert von ihrer Zeit, ertappte sich die wohl Dreißigjährige dabei, Momente festhalten zu wollen. Als Infernal tektonischer Umbrüche. Als Skulptur für die Ewigkeit.
Der Kunst zugetan, öffneten sich in ihr selbst Tore, deren Scharniere ächzend, knarzend, und schließlich berstend nachgaben und freilegten, was in ihr – gottgewollt – schlummerte: Die Freiheit des Geistes. Ach, dachte sie beispielgebend, wie schön wäre es, Monet selbst zu begegnen. Dieser Mann malte, als verbärge sich hinter der realen Welt, eine solche, die surreale Realitäten schuf. Denn jedes Bild von ihm zog sie an, gewaltverlachend und doch unwiderstehlich, und entfachte in ihr eine verklärt-revolutionäre Kraft.
Und las sie die Werke eines Paul Verlaine, erklangen in ihr Saiten des Lichts: „De la musique avant toute chose“.
So kam’s ihr in den Sinn: „Das Leben, ein Lidschlag nur. Siehst du das denn nicht?
Und traubensüß ist‘s, das Sein. Wie kosmischkalt. Nur die Liebe ist aller Gründe Grund, ist das Licht, ist der Sinn. Schweigst du, wie sooft, taumele ich im Vakuum. Lass’ mich nie wieder taumeln, auch nicht im Vakuum.
Beschwert ich bin, wie federleicht. Die bittersüße Schönheit des Lebens … und sein erwartensschweres Ende … Fluten harren, geweint zu werden. Weinen wir sie. Du und ich. Hand in Hand“.
Madame de Poteau erhob sich, bezahlte selbst ihren Café Crème und schritt mit durchgedrückten Knien stolz von dannen.