TITAN

PROSAISCHE LYRIK

„Die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines Titanen …“

Lange, lange, nach den Titanen der ersten Generation, die von Gaia und Uranus geboren worden waren; lange, lange nach dem Goldenen Zeitalter, in dem es weder Tod noch Übel gab und das noch vor Zeus‘ Geburt datiert; lange, lange nachdem Zeus’ Vater, der Titan Cronos, seine Kinder fraß um nicht seiner Macht verlustig zu werden; lange, lange nach der Titanomachie – dem Kampf der Götter gegen die Titanen, in dem die Götter obsiegten -; und mitten drin, im Zeitalter der Moderne, der Flugzeuge und Elektroautos, der Windräder und des Internet, mitten im Heute also … erschien plötzlich ein humanoider Titan, so unbekannt wie das 6. Element. Er selbst wusste Ewigkeiten nicht, dass er ein Titan war – oder wer ihn gezeugt hatte. Aber eines Tages erwachte er, weil die Pole an Eis verloren, und er so freigelegt wurde, beschienen von der Sonne, belebt vom Licht … Beschenkt titanischer Kraft, göttlich beschieden eines menschlichen Antlitzes, das eines Mannes … existierte er. Und so lebte er das Leben eines Menschen. In dem sich zutrug, was die Summe allen Seins ausmachen mochte … 

KOKON

erwacht‘ im schnee,

im tauwasser der erinnerungen, 

mein kleid zerfällt,

es ward ein kokon,

hinfort gespült der letzte wille, 

biegsam meine glieder tasten, ertasten,

fremde erd‘ und neuer duft,

kalte steine weisen mich,

und spitz in meine sohlen brennen, so steh‘ ich auf, erhebe mich,

über die wasser,

fliege ich dahin,

mit winden im gesicht,

und kräften in den flügeln,

neuen horizonten folgend,

es wird wärmer,

ich träume nicht mehr …

KREIS DES TITANEN

Erleichtert spürte ich, das Schloss ließ sich öffnen. Klack. Nun die Klinke heruntergedrückt. Ein sanfter Stoß … Scharniere knarrten, die Tür beschrieb einen Halbkreis, befreiende Frischluft strömte in meine Lungen. Die nächsten Schritte tat ich weit, federnd, rasch und kraftvoll. So entkam ich dem Labyrinth. Dem Stolpern. Der Enge. Und jener Verzweiflung, die mich heimgesucht hatte wie diese eine Träne, die stets unterm Auge über dem Herzen wie verharzt schien und matt schimmerte.

Nun war sie fort. Als wäre sie nie da gewesen. Und schon, kaum, dass ich ein Dutzend Schritte gegangen … verblasste die Erinnerung an sie und es begannen Zweifel sich zu mehren ob sie je existiert hatte … Wider besseres Wissens verleugnete ich diese Träne, angesichts der Energie die mir entgegenschlug, die mich wie ein Flugzeug thermisch emporhob, mich trug; die Träne war also verschwunden. Und mit ihr die permanente Erinnerung über die Geschichten des Lebens, die sie gemacht hatten, die sich in ihr spiegelten, schaute man in sie hinein.

So flog ich nun, lastenfrei, unter mir die Welt. Lärm, Blicke zu Tausenden, und doppelt so viele greifende Hände mir entgegengestreckt, entschwanden wie Schall. Denn immer weiter flog ich, und flog und flog …

Irgendwann hatte ich vergessen, dass ein Labyrinth mich gefangen gehalten hatte, dass die Geschichten meines Lebens sich als verharzte Träne an meinem Auge, jenes überm Herzen, gleichsam abszessiert hatten, dass meine Schritte immer kraftloser, tauber, gar taumelnd geworden waren.

Ich flog. Titanengleich. Ozeane unter mir. Gischt, salzgeschwängert, würzte mir die Lippen. Und ich flog. Immer weiter. Während ich spürte, wie mir die Kräfte wuchsen. 

DRYLAND

die fels‘gen schatten, die ich lud, lähmen nicht,

sie erheben,

und lassen schweben mich,

im eifer zeitentsagter tage,

durch der membrane trägheit,

in immer neue wogen,

aus der forderungen wucht,

die das leben schiebt;

so gleite ich dahin,

grenzenfrei,

mein obdach gefügt der reise lust,

der zwänge aberwitz,

die sie fraglos sind,

denn der werte zauber,

trägt keine zahlen,

nur rauschen in der sinne macht,

und die schönheit jeden tag‘s als formel;

küss‘ ich deine haut,

schmecke ich die meere,

und jeden wellenschlag, alle sonnenkraft; fenster öffnen sich,

mein denken dann im freien fall,

wie schön das ist,

wie frei ich bin,

und geborgen,

sehe schwarz als weiß,

wasser beschwingt mehr denn wein,

nur mit deiner liebe kann ich sein,

nur mit dir, bin ich …,

bin ich nicht allein.

IM KREIS ZURÜCK

… zeitlos flog ich also …

Plötzlich sah ich Land. Als schmalen Streifen am Firmament. Er bildete eine Melange, symbiotisch, ohne Frage, denn Farbenspiel und wie von Gotteshand gezeichnete, mäandernde Formen sprachen eben dafür, und zog mich magisch an. Wurde größer, explodierte schier in Farben, lud mich ein. Sanft landete ich also, ich, der Titan. Durchschritt eine Wiese, deren Grün mich jede Kapillare spüren ließ, deren Duft mir Lebenszeit gutschrieb. War ich im Elysium angekommen? Ich kniff mir ins Fleisch. Schmerzhaft. Nein, kein Elysium. Einfach eine Wiese, und auf ihr Getier, Bienen, Käfer, Hummeln, tanzende Pollen und Samen von Pusteblumen. Denen ich folgte. Als wiesen sie mir einen Weg. Jedenfalls eine Richtung. Wie lange ich so den Blumensamen folgte, erfasste ich nicht, denn Zeit hatte für mich ihre Bedeutung verloren; mich deuchte, sie verging nicht. Ebenfalls nicht vergangen war mein Hunger, nach Allem. Vor allem etwas Eßbaren. Etwas zu Greifenden, zu Umarmenden, zu Küssenden.

„Was willst du?“, fragte unvermittelt eine Stimme in meinem Kopf.

„Mehr“, antwortete ich laut, das Vokal in die Länge ziehend. „Meeeeeehr …“

So durchschritt ich Wiesen, Wälder, erklomm Berge, erreichte Straßen, überquerte Brücken und langte schließlich an einer riesigen Stadt an, die sich bereits vorher durch eine strahlende Glocke am Himmel bemerkbar gemacht hatte. Hier mussten Millionen Menschen leben. Sicher gab es hier auch etwas zu essen, zu greifen, zu umarmen, zu küssen. Als ich alles fand, aß ich, ergriff ich, umarmte, küsste ich. Jeden Tag, jede Stunde und spürte auch die Zeit wieder. Sie brannte sich gleichsam in mein Gesicht; jede Falte ein Erlebnis, jeder Blick durchsetzt des Wissens um das Vergangene.

Irgendwann wurden mir die Arme schlapp, der Bauch dicker, die Schritte tauber, taumelnder, und ich suchte diesem … diesem Ort, jenem Labyrinth zu entkommen. Also durchstreifte ich Straße um Straße, Haus um Haus, öffnete jedes einzelne Zimmer, jedes, sprang von Dach zu Dach, durchforstete Keller, kam an Spiegeln vorbei, die mein Konterfei wiedergaben, und mit ihm eine Träne, die sich unterm Auge, jenes überm Herzen abszessiert hatte. Als ich kaum noch Atemluft in meine Lungen zu saugen vermochte, fand ich eine Tür seltsamster Anziehungskraft … deren Schloss sich öffnen ließ. Klack … knarrende Scharniere … die Tür beschrieb einen Halbkreis und befreiende Frischluft …

INTERMEZZO

wer sie nicht kennt

die lust am innehalten …

die, zu verlassen die täglich spur

die, der loipe – gefügt erwachsenen lebens – zu entfliehen …

weint niemals jene tränen

deren salz die wangen zieren

da sie nicht hinfortgewischt

sondern kristallin vom glücke künden;

ein sommerblumenmeer

im lavendelfeld

das meer zu nackten füßen

und der liebsten duft erschmeckend

ohnmächtig im banne ihrer hingabe

DER TITAN LERNT

Ich kam an eine weitere Tür, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog, denn neben ihrer außergewöhnlichen Farbe, die ich als Morgenröte bezeichnen würde, prangte ein anthropomorpher Pferdekopf aus Messing an ihr. Ich vergaß augenblicklich, was mich hierhergeführt hatte, alles Geschehene, sogar alle Träume, und einzig der Wunsch durch diese Tür hindurchzugehen, ergriff Besitz von mir. Ich, Fleisch gewordener Wunsch, trat an die Tür heran. Und musste irritiert feststellen, dass an ihr keine Klinke angebracht war, die man hätte herunterdrücken können. Stattdessen war da ein Loch. Im Maul des Pferdekopfes. Der mir plötzlich wie lebendig vorkam.

Im kurzen Zögern, meine Hand hineinzustecken, las ich wiedererkennend jene Angst heraus, die mich als Kind mitunter heimgesucht hatte, wenn ich allein im Dunkeln einen Berg hinabsteigen sollte, dessen Tal mir noch dunkler erschien. Dann dachte ich an den Teufel oder irgendein gefräßiges Monster, welches sich auf mich stürzen wollte. Mit dem Älterwerden verflog naturgemäß diese Angst, transferierte sich in Belustigung, aber nun, hier an dieser merkwürdigen Tür, flackerte sie wieder auf. Zu kurz, um sie greifen und bekämpfen zu können, zu lang, um sie als Täuschung wahrzunehmen.

Im Pferdemaul befand sich, was ich vermutet hatte, ein Riegel. Er ließ sich nach links schieben, guttuend leicht. Klack … und die Tür sprang auf. Sie beschrieb mich einladend einen Halbkreis, ich trat hindurch.

In den zwei, vielleicht drei darauffolgenden Momenten blendete ein Licht, grell empfunden wie pure, ungefilterte Sonne auf Schnee.

Kurz schmerzte es, ich fühlte meine Sehnerven, wo sie verankert sind, und hieß mich, standhaft zu sein.

Dann tauschte sich das Licht aus, wie von selbst. Es verwandelte sich. In Bläue. Transparente Bläue. Blau wie flaches Wasser am Meer, dessen Boden man noch sehen kann. In dieses Farbgemisch hinein begab ich mich also. Nicht kleinschrittig, sondern wie gehabt, kraftvoll, federnd, weit.

DA CAPO

auf einer wiese

da wars um mich geschehen

als barfuß ich die gräser spürte

der lindenbäume blätter sanftes wiegen

und die küsse der angebeteten

die schmeckten nach pfirsich

und jenen duft

den mir die lenden deuten

als gottes code

und xenons kunst mich erkor

zu strahlen als pures glück.

VOM TITAN IM MAI

Spürt er den Flügelschlag jener Taube, die soeben das nachbarliche Haus als Platz zum Verweilen erkor?

Im sonnengetränkten Grau des Daches nimmt das Geschöpf ein Bad, plustert sich auf, gibt sich einer Ruhe hin, die er ebenso empfinden mag. Aber nicht kann. 

Mit dem Sturm im Herzen lernte er zu leben, mit Frieden in den Knochen nicht. Feuergenährt lodern seine Träume. Titanisch. In ihnen bersten Fugen, die die Welt verankerten. Doch nun treibt Zeus‘ Ball dahin, getreten des Titanen launisch‘ Willen. Vorbei an Mond und Sternen. Und vorbei am Olymp. 

Galaxien? Nur Dunkelkammern, winzige Verschläge, Räume zwischen Türen, sich zu öffnen bereit. Ein Lidschlag, und der Traum bricht sich Bann. Vom Sog empfangen, stürzt sich der Titan in jene Dimension, Liebe genannt. Von Zeus wie Hades, von Bauern und Hopliten, und auch Kindern, die noch nicht wissen können, wo sie sind.

Endlich in der Unendlichkeit, ist er ganz Taube. Beschienen vom Licht. 

Und sieht den kreisend‘ Habicht nicht.

TITANENTRAUM

Im Blick über die Dächer erkannte ich, was bevorstand. Was ich der Zeit würde beifügen können. Ja, ich würde wieder ein Titan sein. Und schier spielerisch von Dach zu Dach springen. Kaum, dass ich mit den Dächern in Berührung käme. Gleichsam schweben würde ich. Und kein Höhenunterschied wäre zu groß, kein Fall zu tief, keine Distanz unüberbrückbar. Immer weiter würde ich springen, fliegen, schweben, Horizonte im Visier …

So tanze ich zunächst auf den Dächern der Stadt einer blutroten Sonne entgegen. Bis zum letzten Dach. Und ein Ozean sich öffnet. Indem die Sonne untergeht, mit ihr das Licht.

Der Gedanke an dich, sehnsuchtsvoll, lässt mich innehalten.

Dich zu tragen, auf den Dächern der Welt, die Sonne im Gesicht, bis sie versinkt … 

Atemlos bleibe ich zurück, Dunkelheit deckt mich bald darauf zu.

TITANISCHE UMARMUNG

Straßen verbinden. Wenigstens Abfahrt und Ankunft. Oder Orte auf dem Weg. Und manchmal spiegeln sie das Leben. Ja, Straßen, die das Leben zeigen. Straßen, die das Leben sind. Straßen die das Interesse des Titanen wecken, ist er doch erpicht,  der Menschen Sein zu ergründen. Umso mehr, wenn der Weg das Ziel ist, die Reise an sich das Leben … Wessen sich die wenigsten Sterblichen bewusst sind. 

Zeus‘ Würfel des Schicksals bestimmten nun, an diesem klarsichtigen Tage, sonnenverwöhnt,  gereift eines längst vergangenen Morgens, die ostpommersche E 10 als Ort der Bestimmung. Die Straße verbindet die polnischen Städte Thorn (Torun) und Bromberg (Bydgoscz). Und der Titan begab sich auf den Weg, erkundete die Straße wie eine Katze ein neues Zuhause am ersten Tag. Zweispurig und stark befahren bot sie kaum gefahrlose Möglichkeiten des Überholens, was dem Titan ganz recht war. 

Die Boliden jedenfalls fuhren gerade noch langsam genug aneinander vorbei, um gegenseitig die Gesichter der Fahrer detailliert zu erkennen. Soeben fuhr eine Frau vorüber, etwas Erheiterndes im Kopf, denn sie lächelte leise, zarte Vorfreude um die Augen. Oder nun der nächste Fahrer, ein Mann, dem Lebensabend zugeneigt; verkrampft hielt er das Lenkrad, als hielte er fest, was dennoch vergangen war wie das Stück Straße hinter ihm … 

Des Titanen Blick glitt nun zu einer Frau am Straßenrand, noch hundert Schritt entfernt. Im Näherkommen erkannte er in ihr eine Straßenhure. Kitschig-billig bestrapst, zerschlissene High-Heels, knall-roter Lippenstift; die blond gefärbten Haare, die ein leidlich hübsches Gesicht umrahmten, erinnerten den Titan an eine Roma-Frau. Sie schien gut gelaunt, lächelte mit prachtvollem Gebiss, als der Titan nicht respektlos vorbeifuhr. 

Und wieder ein Stück weiter saß da eine Greisin auf einem Campingklappstuhl, besah offenbar den Verkehr, der von Ost nach West und umgekehrt vorüberzog. Doch vor ihr hatte sie ein kleines Tischlein aufgebaut, und darauf einige Einweckgläser gestellt. Sie bot eingeweckte Früchte im Glas feil.  Lächerlich billig, 5 Zloty das Stück; randvoll mit Kirschen befüllt. Dieses Bild sah er nun öfters, alte Frauen, die ihrer wohl kargen Rente etwas Geld hinzufügen wollten. 

Harakirisch überholt, beschloss der Titan, einem Instinkt folgend, bei der nächsten Straßenverkäuferin  Halt zu machen. Und so geschah es auch. 

Sie mochte die Siebzig überschritten haben, war blauäugig, trug ein geblümtes Kopftuch und weite Kleider, wie man sie bei Bäuerinnen sieht. Ihr Blick verriet Neugier, ihr Lächeln öffnete … das eigene Herz … und das des Titanen. Selten hatte er in seinem Dasein ein solches Gefühl der Güte erlebt, die ihn nun, ausgehend von der Frau, durchströmte. Schlagartig wurde ihm klar, dass, wenn es das Böse gibt auf Erden, meist von Neid befeuert, Menschen wie diese Frau hier am Straßenrand zwischen Bromberg und Thorn den göttlichen Blick auf die Menschen zu korrigieren vermögen. Ohne etwas zu sagen, ergriff der Titan die Hand der erstaunten Frau, hieß sie sanft ziehend aufzustehen, und, als sie Folge leistend vor ihm stand, umarmte sie wie ein Vater seine Tochter.

ADAMUS

In jedem Tropfen Leben erschloss sich ihm Ewiges; der Titan wusste um die  Vergänglichkeit aller Momente, allen Seins, aller Diamanten. Nein, das ist kein Widerspruch, war er sich sicher.

„Adamus, Adamus …“; flüsterte dies nicht eine weiche Frauenstimme in sein Ohr und lullte ihn so einst in den Schlaf? Adamus … „unbezwingbar“, wie sie am Hellespont sagen. 

Und während die Jahrtausende an ihm vorüberzogen, und mit ihnen Tsunamis der Erinnerung, sein Herz umbrandend, rauschte des Titanen Blut wie eh und je altersverachtend in unsterblichen Adern.

All die Millionen Menschen, die er, der Titan, auf seinem Wege ins Irgendnirgendwoundüberallhin getroffen hatte, zufällig oder vorherbestimmt, hatten sich ihm eingebrannt, als gewesen, als vergangen. Ihre Gesichter, ach, so viele … ihre Augen, ach, geschlossen und nimmermehr geöffnet. Und ihre Stimmen stummten als tonloser Chor, oft klagend aus der Vergangenheit.

Indes, seltener als einmal in tausend Jahren, noch viel seltener vielleicht, protestierten sich dem Titan Seelen ins Bewusstsein, auf dass er sie nie vergessen möge. Denn sie spielten auf seiner inneren Klaviatur eine Melodie, die mit ihm durch die Zeiten zog. Vergessen? Unmöglich. Überhören? Undenkbar. Immer mal wieder stimmten sie auf, diese Pendants der Endlichkeit. Und wiesen ihm den Weg.

Ich höre dich, Frau. Und so trage ich dich über alle Grenzen, dorthin, wo ich mit dir sein möchte, wo eine Gänsefeder mir den Magen kitzelt, immerzu. 

POESIE DES TITANEN

Lies mich, Frau. Jetzt. Noch vor dem Schlafengehen. Noch bevor der Mond dich in die Träume kitzelt. Oder die Melodie verstummt ist, die nur jene Tage hervorzubringen vermögen, in denen du daran erinnert wirst, Mensch zu sein, sterblich.

Draußen tobt der Kosmos. Eisig still. Feurig laut. Erbarmungslos die Zeit mit sich führend. Bis deine vorbei ist.

Du passiertest einen Rosenstrauch, heute, im Park. Erinnerst du dich? Eine der Dornen streifte deine Hand, während du, abgelenkt vom Geläut einer Kirche, den nahen Glockenturm mit den Augen suchtest. Weißt du noch, was du spürtest, als der Rose Stachel in dein Fleisch fuhr? War es nicht die Ambivalenz des Tages, der nun unwiederbringlich zu Ende geht? Verkörperte er nicht das Leben, und nun, da er sich neigt, den Tod? Ach, du Glückliche.

Denn ich lebe ewig.

In der dramatischen Harmonie eines rührenden Violinenstücks ist mitunter zu hören, was die Tage sagen wollen: nutzt uns, lebt uns aus, korrespondiert jeder Sekunde. Denn einmal geschehen, geschieht sie nie wieder.

Ist es nicht wie mit dem Augenblick? Einmal geschaut, ist er schon vorbei, auch, wenn wir dann verweilen; es gibt nur einmal einen ersten Eindruck.

Und so vergeht, was uns lieb ist, bestenfalls, oder, schlimmstenfalls, verbrennt als Routine unser Leben.

Mir gefiele es, dieses Feuer zu transferieren in das was bleibt bis in alle Ewigkeit: Liebe.

METAMORPHOSIS DES TITANEN

Nun, da die Jahre als vergangen des Titans Wissen bereicherten, fügte es sich fortan weniger lehrreich. Der Pforten Scharniere, an der Schwelle zur nächsten Welt, ächzten auch weiterhin, beschrieben  beim Öffnen ihre typischen, ihm ach so vertrauten Halbkreise. Aber weder Wut oder Neugierde noch Befreiung – wenn auch immer noch vorhanden – erfüllten den Titan nunmehr überwiegend, dafür eine Kraft, derer er sich bisher nicht bewusst gewesen war. Diese Kraft ging einher mit Eigenschaften, die seine Schritte entschleunigten, seine Energie lenkten, sein Bewusstsein sensibilisierten. Eine Kraft also, die gleichsam erzeugte, als Schall. Und wenn dieser in Resonanz zu ihr zurück kehrte, echogleich, wuchs sie weiter. Der Titan selbst erspürte sie als bisher fehlendes Gewürz seines Lebens, als etwas, an das er bisher nicht einmal gedacht hatte, obwohl er ahnte, dass etwas Bedeutsames fehlte bisher: Würde. Und als hätte er sich bis dato – trotz unzähliger Erlebnisse, Erfahrungen, Abenteuer, Enttäuschungen, Freuden, Menetekel und Glückserfahrungen – keinen Deut um sie, die Würde, geschert, stählte sie nun als neu sein Bewusstsein. Von nun an erfuhr er jeden einzelnen Schritt des Weges als Ziel, jeden Augenaufschlag als Geburt eines visuellen Momentes, jedes Geräusch als Ton seines Lebensorchesters.

Diese neue Kraft, seine Würde, pries ihm das Leben von nun an als Welt, die von ihm bereichert wurde. Panik, Hektik, Sucht, das Verlangen nach Meeeehr … hatten sich gewandelt in Ruhe, Gelassenheit, Weisheit und dem Wunsch, zurückzugeben.

Und je mehr er zurückgab, durch Rat und Tat, Zeit und Liebe, desto stärker wuchs seine Würde. Irgendwann war sie so groß und allumfassend, dass die Welt, ja, die ganze Menschheit, sich hätte an ihr laben können. Der Titan war angekommen.