„Ich wurde ein paar Leuten vorgestellt, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Junge Menschen, viel jünger als ich; sie wirkten leicht, superschlank, hatten schräge Frisuren, bei denen die Haare ins Gesicht fielen, nicht wirklich ernst zu nehmen in meinen Augen. Spiegelbild einer koks- und nikotinmeidenden Generation, mit der ich, der schon alles sah im Leben, aber doch irgendwie authentischer Kerl, kaum etwas anzufangen wusste. Angeblich irgendwelche Künstler …
Während ich ihre Hirnvolumina abschätzte, fragen Sie mich nicht, warum, ihre Knochenstärke bestimmte, ja, auch die, ihr exaktes Alter, hatte ich die Namen bereits wieder vergessen.
Dann geschah es, ein Blitz fuhr mir ins Gedächtnis, grillte es heißkalten Schwertes, drang hinunter bis zum Herzen, lähmte es schier. Die sprichwörtliche „Bleierne Schwere“ befiel mich, wie ein drückender Alb, getragen auf einer Glückswoge, und in absoluter Reinheit.
Einst träumte ich von Schönheit, von – eben reinen – Formen, toten und lebendigen, von harmonischen Bildern, ineinander greifenden Motiven, wie dem plätschernden, klaren Bergfluss, der eine saftige Wiese speist, auf der dann Rinder grasen, die frische Milch liefern, oder saftiges Fleisch, das dann auf der Menschen Teller landet, gekocht, gebraten, gegrillt, und Stärke spendet, auf dass Tagwerk verrichtet werden kann, woraus Dinge entstehen …; oder ich träumte von Frauen, auch der Frauen Brüste, wohlgeformt, und verlockend, weil in Deutschland, wo ich den Großteil meines Lebens verbracht hatte, die Weiblichkeit an sich aus tausenderlei Gründen, die hier nicht Thema sein sollen, zumeist nur noch ein Attribut der Vergangenheit war. Meine maskuline Natur, nicht selten getrieben einer Sehnsucht, die ich lange als wenig zivilisatorisch oder gar als unmodern schalt, hielt in mir die Erinnerung an Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde wach. Mich durchkämpften zwei Naturen, so dass schließlich anstelle meines Jagdinstinktes Scham mich erfasste. Die ich mitunter überwand, um reine Schönheit zu erfahren, animalische Gerüche aufzusaugen, weiblich-weiches Fleisch zu greifen, zu kneten, und zu liebkosen und zu schmecken im Banne göttlichen Willens. Wie hypokritisch kamen mir die mahnenden, ja, abstoßenden Stimmen vor, die mich zu disziplinieren suchten. Ich aber wusste genau, wenn ich Mensch bin, und in mir die Naturen toben, sollte ich ihnen freien Lauf lassen, denn eben dies würde lösen, was von höherer Kraft beansprucht wird. Und was entspräche dem Sinn des Lebens mehr, als selbiges zu erfüllen? Jeder auf seine Weise?
Der Blick aus ihren Augen traf mich unvorbereitet, ich verlor die Fassung, mir wurde für Momente schwindlig. Fahrig, schwach, setzte ich mein Glas ab, zerbrach es am Stiel, zog irritierte Gesten auf mich. Meine Seele öffnete sich, ich war verwundbar.
Als hätte sie eben dies geahnt, stieß sie zu, ohne zu zaudern, gestärkt ob der tausende Jahre Unterdrückung der Frau durch den Mann. So musste sich Siegfried, der deutscheste aller deutschen Sagenhelden, gefühlt haben im Moment des Todes. Keine Ahnung, weshalb ich ausgerechnet an Jung-Siegfried dachte in dieser Situation der vermeintlichen Schwäche, aber ich sah ihn – jung, blond, schön, germanisch – niedersinken, getroffen von einem Speer, von hinten unter die Schulter, da, wo ihn das Lindenblatt des Zauberschutzes beraubte. Und ich konnte seinen Schmerz spüren, seine plötzliche Qual, seine Atemnot. Wie er sich wand und krümmte, wie er versuchte, das Ufer zu erreichen, denn der Speer traf ihn beim Baden in einer Quelle. Statt Labsal zu bereiten, lauerte in ihr der Tod.
Sie roch betörend. Es mag an ihrem Parfüm gelegen haben, vielleicht an dem ihr eigenen Körperduft, wahrscheinlich an dem Potpourri aus Beidem, in jedem Falle zögerte ihr Duft meine Lähmung für weitere Sekunden hinaus. Klare Gedanken zu fassen, schien mir unmöglich; selbst die innere Frage nach dem Gewicht ihrer Brust verflüchtigte sich ins Nichts und kehrte nie wieder zurück.
Schwarz wie erkaltete Lava, ihr Haar, mit einem Hauch mahagonischer Glut. Engelsgleich, ihr Gesicht. Ein Mund, der alles Bedeutsame was existiert unbedeutend erscheinen ließ, für mich, und da wo wir Lebenden das Universum verorten.
„Kennen wir uns?“, brachte ich schließlich mühsam hervor, erpicht eine lässige Haltung einzunehmen (was mir für gewöhnlich nicht schwer fiel, aber in diesem Augenblick eine echte Herausforderung darstellte).
„Nein“, antwortete sie beinahe schnippisch mit einer Stimme der Eva’schen Botenstoffe durchsetzt, und derart lächelnd, als bekannte sie sich einer Lüge.
„Ich dachte, ich hätte sie irgendwo schon mal gesehen“, fuhr ich fort. „ … ihr Blick … ich hätte schwören können … “
„Nein, ich kenne sie nicht, habe sie noch nie zuvor gesehen. Aber ich …“
Nun lag es an ihr, zu zögern. Sie kniff die lagunenfarbigen Augen zusammen, errötete um Nuancen, kaum merklich.
„Aber ich weiß, dass ihre Frage keine profane Anmache war.“
Ihr Augenaufschlag, voller Weiblichkeit und nah an meiner Seele, schuf in diesem Moment einen neuen Menschen, einen anderen, verzauberten.“