ZYKLISCH-PATHOLOGISCH

Russland, Kursk, a.D. 1943, Sommeroffensive der Deutschen Wehrmacht

Hans, ein eherner Niederschlesier, drahtig gebaut, robust, grauäugig und wettergegerbten Gesichtes, hüllt sich in Schweigen, fokussiert das leicht hügelige Gelände beobachtend. Vor ihm: Feindesland. Der Russe drückt. Es ist dessen Land, das das Blut von Millionen trinkt und auch die staubigste Steppe schier flutet.

Im Sinnen begriffen, findet sich Hans in der gestrigen Schlacht wieder. „Auf den Feind!“ hieß es, und Hans‘ Kompanie – mit ihm an der Spitze – strömte aus, um die von den eigenen Panzern und Stukas verschont gebliebenen Reste der sowjetischen Panzerabwehr dieses Kampfabschnitts auszuschalten.

Feindberührung. Nahkampf. Bajonette aufgepflanzt. Zäh ist er, der Russe. Und nicht mutlos. Jedenfalls das Gegenteil von dem, was die NS-Polit-Offiziere in der Wehrmacht seit nunmehr zwei Jahren herauf- und herunterbeteten: Untermenschen bar jeder Kampfkraft. Offenkundiger konnte eine Lüge nicht sein, wusste Hans; nur das Warum erschloss sich ihm nicht. Warum log die Führung, wo doch jeder sehen konnte, dass die Sowjetarmee die deutschen Bataillone fraß, wenn auch mit allerhöchstem Blutzoll?

Wie schrieb der Generalstabschef der 4. Panzerarmee? „Der feindliche Infanterist kämpft gut, entgegen der bisherigen Annahme, dass es sich beim Gegner um schlechte Stellungsdivisionen handelt, muss festgestellt werden, dass auch dieser Feind zu fechten und zu sterben versteht“; (Quelle: Roman Töppel, Kursk 1943. Die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs).

MP-Feuer, Handgranaten detonieren, der tiefe Boden giert nach deutschen Stiefeln, und jenen, die sich darin nicht halten können, entfernt aus dieser Welt.

Hans blickt nach rechts. Die Flanke stürmt. Doch Fritz Kempers Kopf zerplatzt in diesem Moment wie eine überreife, sonnenpenetrierte Melone. Plockphf! Und auch Herrmann, ein ernster Mensch aus Pommern, fällt, in verbissener Schicksalsdemut, direkt hinter Fritz, stumm und plötzlich. Hatte er nicht eine vierjährige Tochter?

Hans prescht ostwärts. MG-Nest. Drei Russen vor ihm. Blaue Augen. Keine Angst in ihnen. Vielleicht Verblüffung. Die Rotarmisten schießen, verfehlen Hans um Haaresbreite, ein Projektil prallt vom Stahlhelm ab.

Hans wirft sich – todesverachtend – in die Feindesgruppe. Sein Bajonett fällt den ersten, einen blutjungen Kerl, dessen Kehle – zerfetzt von teutonischem Eisen – heftig pulsiert. Der Niederschlesier rammt den zweiten Russen nieder, der ächzt, den Kampfspaten gegen Hans führend. Doch auch dieser Stoß geht knapp vorbei und der Deutsche sticht mit Präzision und wuchtig geführt dem Gegner ins Herz. Hat er als deutscher Soldat nicht gelernt, rasch und schmerzlos zu eliminieren? Nun der dritte Russe. Blitzschnell die Mauser gezückt. Kopfschuss. Hans schnauft durch. Für Sekunden. Um ihn herum wird erbarmungslos gekämpft. Schreie. Handgemenge. Gutturales Brüllen, tierisch, entartet, und dabei doch menschlich; so ist der Krieg.

Hans kämpfte am Kursker Bogen, später in der Normandie, zuletzt im Berliner Häuserkampf. Er blutete. Für seine Kameraden, seine Truppe, seine Ideale, und, wie er annahm, für sein Land. Klaglos. Stoisch. Typisch.

Hans gibt es nicht mehr. Und die, die waren wie er, hat die Geschichte ebenfalls verschluckt.

Beinahe scheint es, dass der Zyklus des Vergessens 79 Jahre misst. Denn wieder treffen Panzer aufeinander, nicht weit von Kursk entfernt.“