ICH, DIE RUSSISCHE PELMENI

(Aus gegebenem Anlass)

Essay in drei Akten.

Akt 1

Ich bin eine Pelmeni. Genau genommen eine russische. Sie sollten wissen, dass es auch andernorts Pelmeni gibt, in der Ukraine zum Beispiel und Weißrussland. Oder in Polen. Dort werden sie Ruski Pirogi genannt, wenn sie mit einer Mixtur aus Quark und Kartoffeln gefüllt sind. Es gibt mit Hackfleisch oder Pute zubereitete Pelmeni, solche mit Kraut, Wareniki genannt. Oder die kleinen polnischen Uschkas, mit Pilzen gefüllt; man tut sie in die Suppe.

Ich aber fühle mich als Pelmeni.

Sehen Sie dieses Bekennen als eine Art Identifizierung, gar Solidarisierung betreffend alle gefüllten Teigtaschen slawischer Rezeptur an. Vielleicht so ähnlich wie Sie, die Sie sich nicht unbedingt als Patrioten ihres Landes sehen, sondern als Europäer? Ja, ich glaube, das käme hin. Sie ein Europäer, ich eine Pelmeni, mit Kartoffeln und Quark gefüllt. Eine russische. Sagte ich schon.

Für jede meiner Artgenossen, aus welchen Zutaten wir auch immer gemacht sein mögen, ist es das höchste Gut, verspeist zu werden. Einen dankbaren Gaumen zu beglücken, einen Magen zu füllen, auf dass Sättigung sich einstellt und der uns Essende von der so gespendeten Kraft zu zehren vermag. Jede Pelmeni, ein Quentchen Kraft. Somit Lebendigkeit genährt wird, und daraus Dinge entstehen. Gerne solche, die Sinn machen und für Gutes Fundament sind. So ist es auch bei mir. Ach, wie schön wäre es, einen heißhungrigen Menschenschlund hinabzufahren und zu sein, was ich sein sollte, eine einfache Pelmeni, die satt macht und schmeckt.

Stattdessen aber lungere ich hier herum, zwecks Haltbarkeit schockgefroren und warte darauf, endlich, endlich zubereitet zu werden, und, so aufgehübscht, einen Menschen zu erfreuen. Aber nein, ich warte und warte und …warte. Selten, dass sich die Tiefkühltruhe öffnet woraufhin einige meiner Pelmeni-Ge- schwister entnommen werden, die Glücklichen. Deshalb habe ich viel Zeit. Werde oft von Langeweile geplagt, hier, zwischen all den anderen Pelmeni, die genauso eiserstarrt ihr Dasein im Wartemodus fristen. Und dabei stelle ich mir immer wieder die eine Frage: Was ist geschehen? Ich weiß nämlich ganz genau von Zeiten, da hier, in dieser Eisbox, ein reges Kommen und Gehen herrschte. Es muss wie bei unseren entfernt Verwandten gewesen sein, den heißen Brötchen; kaum gebacken, schon auf einem Frühstücksteller. Beneidenswert. Was also ist geschehen? Und während ich für Sie an einer Antwort feile, zieht mein kleines, unscheinbares Leben vorüber. Und wie alles begann. Zutaten sind da, Mehl und Eier, Milch und Fleisch. Küchenlärm. Knoblauchdunst. In einem Topf blubbert frische Borschtsch. Und dann sind da Gesichter. Gute Gesichter. Die einer ganzen Menschenfamilie. Ich glaube, um Ihnen meine Antwort zu präsentieren, meine Theorie, wenn Sie so wollen, sollte ich nichts auslassen von Belang.

Sehen Sie, alles, was ich weiß, habe ich im Wesentlichen nur einer Person zu verdanken. Babuschka. Großmütterchen Bljum. Eine Russka wie sie im Buche steht. Arbeitsam, zuverlässig, ein starkes Herz, groß wie Noahs Arche. Vom alten Schlag. Sie hat mich einst aus Mehl, Ei, Wasser und einem Schuss Milch gefügt, geknetet, gemacht. Und gesalzen hat sie mich; hui, das war eine Erfahrung … Und sie hat mir alles erzählt und beigebracht, was ich wissen muss. Und vielleicht noch ein bisschen mehr. Ich glaube, sie mochte mich besonders. Vor allen anderen. Während so viele, viele meiner Geschwister durch Babuschkas Hände glitten, legte sie mich beiseite, stupste mich gelegentlich, bestäubte mich mit Mehl, und erzählte, was ihr Herz bewegte. Unaufhörlich erzählte sie. Russische Worte, warm und weich plätscherten sie über Babuschka Bljums Lippen, einem lebendigen Gebirgsbach im Sommer gleich.

So erfuhr ich ihre Geschichte. Wie sie aufwuchs in einem Dorf, zwei Autostunden von Moskau entfernt, etwa acht mit dem Panje-Wagen. Als junges Mädchen, noch lange keine Babuschka. Harte, ereignisgleiche Tage reihten sich ein, Jahr um Jahr in ihren Lebensfaden. Ihre Heimat, Mütterchen Russland im Gewand der Sowjetunion, die geschmiedet war aus einer widernatürlichen, weil das Individuum verachtenden Ideologie, Bürgerkrieg, dem Willen zur Veränderung, Revolution und Wogen aus Menschenblut, Flüssen aus Tränen, Sternen aus Träumen.

Babushka Bljum lernte es, das Feld zu bestellen, zu ernten, Brot zu backen und zu kochen, wie ihre Vorfahren. Sie erlernte die Lieder, die schon immer gesungen wurden, reifte vom Mädchen zur Frau. Und sie erfuhr von dem großen Schmerz, der ihr Land plagte und der dessen Menschen zwischen Schwermut und unbändiger Lebenslust tanzen ließ. Entbehrungen. Obrigkeitsplage. Korruption. Willkür. Pflichtbewusstsein. Strafe. Denunziantentum. Und Sehnsucht nach Liebe, wie der Drang zu Atmen mit zugenähtem Mund. Seit jeher schon.

Babuschka Bljum erfuhr auch vom allergrößten Schmerz, der in praktisch jedem Russen, nein, Sowjetbürger, ein Brandmal hinterließ, ob er ihn nun selbst spürte, diesen Schmerz, oder durch Erzählungen davon Kenntnis erlangte. Fünfundzwanzigmillionen tote Landsleute im Großen Vater- ländischen Krieg, den die Welt den 2. Weltkrieg nennt. Fünf- undzwanzigmillionen Seelen. Fünfundzwanzigmillionen für immer geschlossene Augenpaare und Herzen, die nicht mehr schlagen durften, weil ein Deutscher sich in seinen Kopf setzte, das sein Volk brauche Lebensraum im Osten und der Bolschewismus gehöre, wie das Judentum, ausgerottet. Erbarmungslos. Adolf Hitler. Kein Volk hat so gelitten in diesem Krieg, wie das sowjetische. Fünfundzwanzigmillionen Menschenschicksale bezeugen dies. Ohne die heroische Opferbereitschaft des sowjetischen Soldaten – ob man ihn heute nun als Russen, Ukrainer oder Georgier würde erkennen wollen – herrschten wohl ein Tyrann und dessen Nachfolger über Europa. Aber Russlands Geschichte, auch die seiner oft gewaltsam einverleibten Satelliten-Völker, wusste Babuschka zu berichten, war von jeher gespickt mit Tyrannen. Auch den eigenen. Und der schlimmste unter ihnen bürdete dem Land etwa zur selben Zeit noch einmal mindestens Neunmillionen Opfer auf: Josef Stalin. Georgier von Geburt. So viele Tote, so viel Leid, Milliarden Tränen, die auf den Wangen der Hinterbliebenen zu Kristall erstarrten.

Manchmal weinte auch Babuschka Bljum um die Toten der Vergangenheit. Auch um die der eigenen, russischen Familie, denn wie in fast allen sowjetischen Familien, gab es Opfer zu beklagen. Der Vater, der Bruder, der Onkel.

Aber in ihr wohnte auch stets jene Kraft, die sie in die Zukunft sehen ließ. Die sie sehnsüchtig machte. Babuschka Bljum wusste schon als junge Frau, dass da mehr noch ist, als das russische Dorf, Säen und Ernten, Kochen und Arbeiten. Und so gab sie dem Drängen eines halb deutschstämmigen jungen Russen nach, ihn zu heiraten und in die große Stadt zu gehen.

Nach Moskau. M.O.S.K.A.U.

Größer als London und Berlin zusammen, ein Land im Lande, Zentrum der Sowjetmacht. Sie fand ihr Glück, gebar zwei Kinder, ein erfülltes Leben lebte sie. Bis ihre Welt zerbrach, die Sowjetunion auseinanderfiel in Nationalstaaten, zersetzt von inneren und äußeren Kräften, von der eigenen Unzulänglichkeit, gerichtet vom trügerischen Willen eines bevormundeten Volkes. Schwere Zeiten brachen an. Vieles wurde anders. Die guten Menschen Russlands litten. Nur den Cleveren ging es prächtig. Oligarchen traten anstelle der einst mächtigen und nun gefallenen Kombinatsdirektoren und sowjetischen Partei- spitzenfunktionäre. Was blieb, war der Grad an Korruption.

Mit mehr McDonald-Läden im Land, der Öffnung nach Westen, hielt ein Geist Einzug, der die Menschen veränderte. Der Zusammenhalt war nicht mehr derselbe. König Mammon herrschte. Russland taumelte. Zwanzig Jahre taumelte Babuschka Bljum mit. Kämpfte für ihre Familie, den Zusammenhalt, ums Überleben.

Als sie dann doch Mütterchen Russland verließ um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu bieten, waren Tränen ihre ständigen Begleiter. Und die Hoffnung, dass doch noch alles gut werden würde. Eine ganze Familie voller Hoffnung.

Ende Akt 1, Fortsetzung folgt …