… Eine ganze Familie also … Tochter Victoria, ihr Mann Dimitri, deren Söhnchen Mischka. Dann Babuschkas Sohn Ewgeni, dessen einst in Kiev geborene Frau Soya. Und schließlich Babuschkas Mann.
Die Bljums, angekommen nach einer Odyssee in Berlin, das sich selbst, nach Jahrzehnten der Trennung durch eine kompromisslose Mauer, noch im nicht immer leichten Zusammenwachsen erkannte.
Ich, eine kleine russische Pelmeni, bewundere die Menschen.
Müsste ich eine, wenn nicht die dominante Eigenschaft des Menschen benennen, fragte man mich, fiel meine Wahl wohl auf Leidensfähigkeit. Ja, ich habe sie gesehen, in den Augen von Babuschka Bljum und ihrer Familie, in deren Atemzügen Rhythmen, in Strömen von Schweiß und Millionen getanen Schritten. Aber ich erkannte auch tiefe Herzlichkeit und Lebensfreude. Und da war noch etwas: Eine seltsame, beinahe stoische Dreingabe in die Dinge, wie sie sind.
Letzten Endes bin ich froh, dass ich nicht gefragt werde, denn die Qual der Wahl ließe mich, die kleine Pelmeni, vertrocknen.
Wie gut, dass Babuschka gelernt hatte, zu kochen. Alles, was die russische Küche zu bieten hat, beherrscht sie. Nicht nur fachlich, mechanisch, auf Geschmack und Konsistenz geeicht, nein, gerade mit Inbrunst und Hingabe. Darauf aufbauend eröffnete die Familie ein Restaurant. Fokussiert auf einen raschen, gleichwohl köstlichen Mittagstisch. Ein Stück Russland in Berlin-Mitte, in der Mohrenstraße. Begierig wurde das Angebot angenommen, die zahlreichen Mitarbeiter in den umliegenden Büros gewöhnten sich bald darauf an ihre mittägliche Borschtsch, die Wareniki und Pelmeni, gemacht von Babuschka und ihren Angehörigen.
Die Bljums erarbeiteten sich so ihre knappe Existenz durch Fleiß, Können und familiären Zusammenhalt.
Mütterchen Russland wohnte dabei stets in ihren Herzen, egal, wer das Land regierte. Egal, wer es ausbeutete. Egal, wer die Menschen indoktrinierte oder ihnen den Mund verbot. Und egal, wieviel Menschen in den Gulags zu Unrecht litten.
Doch sie begannen auch, ihre neue Heimat Deutschland zu lieben, zu schätzen sowieso. Gerade die jüngeren der Familie fühlten sich bald als Berliner. Babuschka hingegen verspürte stets Heimweh, der aber durch das offensichtliche Glück, welches in der Familie Einzug gehalten hatte, gelindert wurde … einer kühlenden Salbe gleich, die das Brandmal besänftigt.
Sehen Sie, und auch das weiß ich von Babuschka Bljum, als Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts Russland überfiel, war das Französische als Sprache längst ein zumindest partiell involviertes Stück Kultur. Eigentlich traf dies auf halb Europa zu, wie man an verschiedensten Idiomen und Gallizismen in allen möglichen einst von Frankreich besetzten Ländern und Regionen ersehen kann. Von ajour über bonvivant bis tranchieren …
Eines Tages beschlossen die Bljums, ein zweites wie gleichkonzeptionelles Restaurant zu eröffnen, um die wachsende Familie – Ewgeni und Soya erwarteten ihr erstes Kind – ernähren zu können. Mit der Zimmerstraße 56, gleich vis-a-vis vom Axel Springer Verlag, wurde ein Standort erkoren, der Erfolg versprach. Dieser war auch nötig, denn zunächst mussten enorme Mittel investiert werden. Ein Fehlschlag und die Zukunft der Bljums wäre gefährdet.
In Russland jedenfalls wurde der französische Begriff Bistrôt, seinem ursprünglichen Sinne als „raschen Imbiss im Felde“ verwandt, mit schnell gleichgesetzt. Bistro, bistro – schnell, schnell. Den Bljums, gefiel daher die Wortsymbiose aus Russland und Bistrôt: Russtrôt. So der neue Restaurantname. Russtrôt. Durchaus sinnvoll, denn so würde schon im Namen deutlich, was die Bljums begründeten, ein russisches Schnellrestaurant.
Und ja, der Laden lief. Und ja, die Gäste kamen. Und ja, es war wie in einem schönen Traum. Arbeit und Mut, Fleiß und Können zahlten sich erneut aus. Dies bedeutete zwar auch, dass nun doppelt so viele meiner Artgenossen geknetet und gekocht werden mussten, aber genauso sollte es ja sein.
Die Gästeschar des Russtrôts setzte sich tatsächlich zumeist aus Mitarbeitern des nachbarlichen Axel Springer Verlages zusammen, und natürlich anderer Büros der Umgebung, viele der Medienbranche zugehörig. So war es von den enthusiastischen Entrepreneuren geplant gewesen; Sinn ist, was Sinn macht.
Bis die Welt der Bljums plötzlich erneut ins Wanken geriet.
Ich, die Pelmeni, hörte von Babuschka Bljum von Berichten in der Presse, die Russland und insbesondere dessen Präsidenten Putin in ein unmoralisches Licht rückten.
Unter dem Eindruck dessen, was da geschrieben stand, erschloss sich, weshalb den Bljums plötzlich Arges widerfuhr:
Es war zu der Zeit, als die Bürger der Ukraine aufbegehrten und nach politischer Veränderung riefen; sie hatten genug von Korruption und politischer Bevormundung. Der Wille nach Demokratie brach sich Bahn. Das war verständlich, denn es ging ihnen schlecht. Obwohl die Ukraine als Kornkammer Europas und Zentrum der Stahlproduktion galt, also per se nicht arm war. Die Ukraine und dessen Volk, geprägt einer multiethnischen Zusammensetzung, gefügt aus den Spuren einer gemeinsamen russischen Geschichte, in ihrer heutigen Form einst gezimmert aus politisch-willkürlicher Notwendigkeit, den Bolschewismus zu stabilisieren, wurde ausgeraubt.
Eine Zeit politischer Ränkespiele verschiedenster Akteure lieferte den Stoff, den die Medien geradezu verschlangen. Sensationen, Putsch, Machenschaften, Krieg und Willkür, Lügen und Politik. Fast alle Mächte spielten mit in dem Spiel um die Ukraine. Zündelnde Amerikaner, die die Chance erkannten, dem wiedererstarkenden Russland unter Putin einen beeinflussbaren Faktor vor die Haustür zu postieren, der auch noch in die Nato integriert werden wollte. Eine EU, die einen neuen Markt sah und rief: Ukrainer, unsere Gemeinschaft und der Weg in die Demokratie stünden euch offen. Russen, deren lebenswichtigen Gas- und Ölpipelines mitten durch die Ukraine führte, und die sich nun der Gefahr ausgesetzt sahen, nicht nur einen Einflussbereich zu verlieren, sondern auch geostrategisch einzubrechen. Ukrainische, nationalistische, ganz offen russenfeindliche Elemente, die in Russland pauschal als Faschisten erkannt wurden und die im Westen des Landes auf bis zu zwanzig Prozent Zustimmung in der Bevölkerung rechnen konnten. Oder einfach nur Menschen, die von Korruption und Ausbeutung die Nase voll hatten. Die Ukrainer, zuallermeist im anti-russischen Westen, gerade in der Hauptstadt Kiew, gingen also auf die Straße, putschten unter Mithilfe ominöser Kräfte eine Putin-gesonnene Regierung hinweg, es gab Tote über Tote. Das Land stürzte ins Chaos. Und Putin unterstützte, im Hintergrund bis offensichtlich, die „russischen Ukrainer“, gerade im Osten des Landes, auf der Krim, im Donbas, am Asowschen Meer.
Die Hintergründe wurde in den westlichen Medien zwar beleuchtet, all die Einflusssphären und Machenschaften auf allen Seiten, jedoch tendenziös. Schnell war der Alleinschuldige ausgemacht: Putin. Verbrecher, Schlächter, Massenmörder. Diese Titulierungen kursierten in den westlichen Medien und erzeugten ein Bild der Wahrnehmung. So wie immer, wenn Kriege bevorstehen oder im Gange sind und mit Propaganda der moralische Nährboden in der Bevölkerung bereitet werden muss für unpopuläre politische Entscheidungen. Zum Beispiel junge Männer zum Sterben in den Krieg zu schicken.
Und plötzlich begannen die Gäste des Russtrôts den dortigen Mittagstisch zu meiden. Doch sie kamen einfach nicht mehr nur, nein, sie lebten zudem demonstrativ ihre eigene Propaganda. Sie zeigten so, dass Objektivität blindem Eifer wich, einer Empörung, auf Gehässigkeit getragen. Böse Blicke, demonstratives Weggucken, die Straßenseite wechseln. Und erkennbar eine Agitation, die aus einem einst vollen Restaurant ein leergefegtes machte.
Die Bljums, Babuschka insbesondere, erkannten rasch, woran es lag. Sie stammen aus Russland. Ihr Restaurant heißt signifikant Russtrôt. Sie bereiten russische Speisen zu. Okay, auch ukrainische, aber das zählte wohl erst mal nicht. Ihr Restaurant war in den Augen der Springer-Mitarbeiter ein Stück Russland, eine Exklave Putins. Und, so weit hergeholt dies bei näherer Betrachtung auch sein mochte, ein Sündenbock. Damit haben die Menschen, wie ich kleine Pelmeni weiß, schon immer besondere Erfahrungen gemacht, mit Sündenböcken, auch die Deutschen zu Zeiten Hitlers. Als sie die Juden als des Übels Wurzel ausmachten, diffamierten und millionenfach ermordeten.
Die Bljums waren verzweifelt. Kosten türmten sich auf, die Gäste blieben weg. Babuschka zermarterte sich das Hirn, ebenso wie alle anderen, deren Existenz sich in akuter Gefahr befand, und das, weil die Springer-Leute meinten, bestrafen zu müssen. Selbst an den Wechsel des Restaurantnamens dachten die Bljums, ja, sogar daran, neben einer deutschen und russischen eine ukrainische Flagge zu hissen. Verzweifelte Gedanken, um den Scharfrichtern aus der Medienbranche zu gefallen.
(Fortsetzung folgt …)