ZEIT FÜR KONTRA

„Woher, frage ich mich, kommt es, dieses ungute, ja, geradezu Trotz erzeugende Gefühl, das in mir aufsteigt, wenn westlich-medial und kaum tiefer hinterfragt kolportiert wird, die – zweifellos völkerrechtswidrig überfallenen (böse Zungen behaupten, mit Ansage), oft (abgesehen von Kiev’s Feierprinzessinnen und Kriegs-Drückebergern) leidenden – Ukrainer seien per se die Guten, für alle Zeit? Jene, die bedingungslos unterstützt werden müssten gegen den „Aggressor“, egal, was es kostet, wie lange es dauert und ganz gleich, was das eigene Wahlvolk will, um die deutsche Außenministerin Baerbock zu zitieren?

Und Russen seien hingegen schlecht, feige (insbesondere, weil sie sich nicht gegen einen Despoten auflehnten), rückschrittlich, oft – im Falle der Soldaten – unmenschlich, verroht und voll vertrottelt sowieso, da sie sich wie Tontauben abschießen ließen und mit Panzern aus den Fünfzigern kämpften, und mit MG’s aus dem 1. Weltkrieg; ha, ha, ha, selten so gelacht.

Stimmt etwas nicht mit mir?

Bin ich etwa unfähig, Recht von Unrecht zu unterscheiden? Bin ich Opfer russischer Propaganda, gefangen im russischen Narrativ des angeblichen „Rechts aus Historie“?

Gehe ich zum Lachen in den Keller, nur weil ich mich weigere, ins westlich-mediale Horn des Russen-Bashings und der Häme zu blasen?

Oder neige ich zur Verallgemeinerung, schere sozusagen die Ukrainer – sicher dann zu unrecht – über einen Kamm, nur weil es mir – bis auf Ausnahmen – also seltener gelungen ist, anständigen Menschenexemplaren von dort stammend begegnet zu sein? Und in der Tat, Gier, Täuschung, Lüge und national-patriotisch angereicherte Gereiztheit schwangen bei diesen Begegnungen immer mit; selbst, als ich mein Zuhause ukrainischen Flüchtlingen für Monate öffnete. Bis sie mich beklauten. Ich muss wohl ein Pechvogel gewesen sein. Und nochmal einer, weil ich hingegen ausgerechnet den offenbar selten existierenden Russen begegnet bin, die edlen Charakters waren? Ich muss (wie könnte es anders sein?) die die Regel bestätigende Ausnahme sein. Ganz sicher! Gott, habe ich ein Pech!

Was ist also mit mir?

Liegt’s an meiner Liebe zur Russischen Literatur, dass mir Ukrainer suspekt erscheinen? Kann eigentlich nicht sein, obwohl ich schon frohlockte, als ich in meinen jungen Jahren im Stillen Don (Scholochov’s Meisterwerk) las, wie die Ukrainer von den Don-Kosaken beim Mehlwiegen regelmäßig auf die Fresse kriegten. Ich Schuft. Naja, ich war eben Fan von Grigori Melechow; voreingenommen, wenn man so will …

Oder liegt’s daran, dass ich mich weigere, der ukrainischen Neuschreibung der Mathematik zu folgen, hernach die Russische Armee schon über Zweihunderttausend Tote beklagen sollte, und damit – üblicherweise – auch mindest doppelt so viele Verwundete, was in Bezug auf absolute Zahlen und die Größe der Russischen Armee in der Ukraine Plus und Minus ins Absurde führte? Wer war schon Adam Riese?

Oder liegt’s vielleicht daran, dass, wie ich sicher weiß, kaum noch ein Pflegebetreiber in Deutschland Ukrainer einstellen will, weil diese oft angeblich faul seien, betrügerisch und unzuverlässig sowieso? Muss ein Gerücht sein … Muss!

Vielleicht trage ich diesen kontrakonformen Instinkt in mir, weil ich weiß, dass die westlichen Sanktionen zwar zu enormen Verteuerungen in den eigenen Ländern führen, mit teils aberwitzigen Begleiterscheinungen, etwa durch teure Importe ursprünglich russischer Rohstoffe über Drittländer, niemals aber dazu, in Russland eine Revolte von innen zu provozieren?

Möglicherweise liegt mein ominöser Grund darin begründet, dass deutsche Panzer nun erneut gegen Russland fahren? Wie einst …? Als ob Fünfundzwanzigmillionen tote Sowjet-Russen nicht genug wären …? Indes ich zugeben muss, über Kanzler Scholz’ Umfaller ziemlich amüsiert gewesen zu sein, weil allein dieser Umstand der Leopard-Lieferungen dazu führte, die Russen nun mehr oder weniger geeint hinter Putin geschart zu sehen …

Oder ist der Grund, dass Selensky vielleicht ein Heuchler ist, der auf Demokrat macht, aber laut Pandora-Papers Zig-Millionen Dollar gebunkert haben soll?

Woran es auch liegt, und Perzeption ist immer subjektiv, es ist mir gleich, denn dieses ungute Gefühl angesichts des allgemeinen Russen-Bashings… nein, dieser Instinkt … ist mir wie ein Kompass. Ein Bauchgefühl. Was könnte man dagegen tun?

In den westlichen Medien wird tendenziös bis offen feindlich vom Russischen Narrativ gegeifert, a la falsche Geschichtsauffassung und dergleichen … aber wenn ich mir als Außenstehender die ukrainische Version von Historie und Kausalität zu Gemüte führe, oder die schier bösartige, mitunter anmaßend-arrogante Medienmeute, muss ich ob der Schwarz-Weiß-Malerei entweder schmunzeln oder entsetzt den Kopf schütteln, denn ich weiß, die Welt ist anders. Spätestens erkennbar, wenn man ein klein wenig zurück tritt vom medial nachgerichteten Bild.“