VON SCHLECHTER KLEIDUNG UND GOTTES AUSSCHUSS.

Eine Satire

Aus Warschau am 9. Mai 2023 über:

Leipzig, 2020

„Hm, dachte ich. 15 Uhr Termin in der Weltstadt Wurzen, 11.30 Uhr Frühstück opulent zuhause, könnte knapp werden. Andererseits, motivierte ich mich, wäre meine Neugier gestillt, und en passant bestimmt das medial kolportierte Bild vom Aluhut tragenden Verschwörungstheorie-Trottel und Corona-Leugner endlich bestätigt.

Also losmarschiert, Corona, ich komme. Ähm, wir. Denn natürlich wollten sich meine 16jährigen Halbstarken, meine Twins, den Gaudi nicht entgehen lassen. Erste Demo und so. Revoluzzer-like, klar.

„Papa, du bist der Beste!“ im Kopf, sondierten wir also – quasi militärisch aufklärend – das Gelände, der unzähligen feindlichen Boliden gewahr, die aus fremdländisch klingenden Stätten (kein Schreibfehler) wie Esslingen, Mannheim, Fulda oder Wolfsburg kamen und offensichtlich naiv-kindlich-erstaunt von Leipzigs architektonischer Pracht und Sauberkeit befangen waren. Kein Wunder, wenn man im Westen leben muss. Die Betonung liegt auf MUSS.

Von der Kreuzstraße kommend, enterten wir dann den Ring auf Höhe der Oper, während uns eine Reiterstaffel der Polizei entgegen trabte. Dann hielten sie unvermittelt an. Eines der Pferde schiss. Die martialisch behelmten Polizisten musterten uns. Was sie zu sehen bekamen, waren drei Maskenlose, bestens gekleidet.

Wohl verschreckt von meinem seidenen Einstecktüchlein – Gucci – ließen sie uns passieren. Und dann waren wir mittendrin. Ah, ja, was’n Spaß. Ein grausliger freilich.

Wisst ihr, und seht es mir bitte nach, irgendwann in den 2000ern hatten wir in unserer Jungs-Clique die Angewohnheit verinnerlicht, das Frauenvolk – und nur dieses, denn schwul war keiner von uns – in Sekundenbruchteilen zu unterscheiden in „fuckable“ oder eben nicht. Spart Zeit, so eine selektive Herangehensweise. Jedenfalls übte auch mich darin, Asche aufs Haupt. Und bei aller Subjektivität, großes Becken, kleines, Radstand drei Finger breit oder fünf, blond oder brünett, der „Goldene Schnitt nach Fabinacci“ lügt nicht.

Mitten im Menschenrund kam mir plötzlich der Gedanke, dass es sich gar nicht um die Querdenken-Demo gegen die Corona-Maßnahmen der a- und bisexuell geführten Bundesregierung handelte, sondern um eine Freiluft-Competition zur Findung des unansehnlichsten, am schlechtesten gekleideten Menschen. Und die Konkurrenz war groß. Mon Dieu, wir stapften von einem Favoritenpulk zum nächsten.

Und wenn wir uns einig waren, die oder der da drüben, ja, jenes Hässloch mit dem Zickenbart, der KiK-Hose und den besonders weit auseinander stehenden Augen hätte aussichtsreiche Chancen auf den Gewinn der Challenge, tauchte plötzlich das nächste Exemplar ähnlicher Bauart auf. Verstörend.

Während wir also – heißen Messern gleich – Gottes Ausschuss schreitend durchschnitten, lauschte ich dem Redner, der – erstaunlich eloquent – die dröge Masse zum Zerstreuen animierte. Logo, Mindestabstand. Das ging gefühlt ewig so und uns überkam bald darauf Langeweile.

Noch schnell ein paar Fotos geschossen, und ja, es waren mehr, als 20.000 Individuen wie konformistisch-medial erlogen, vielleicht sogar doppelt so viele, aber dann ab. Wurzen rief …

Noch schnell am Antifa-Gegen-Gegen-Demo-Stand vorbei, die Rednerin fügte sich optisch nahtlos ins Verliererrund, und aus die Maus.

Nein, wusste ich, „Demokratierechte verteidigen“, of course, „Merkel ist ne tragische Matrone“, unbedingt, „Politiker sind erbärmliche Opportunisten“, kann jeder sehen, „die Gedanken sind frei“, geschenkt, die Grünen sind Deutschlands Totengräber, wird bald jeder spüren können, „die Corona-Maßnahmen sind oft überzogen und an Dummheit schwer zu überbieten“, gehe ich mit, oder „Bill Gates sei ein satanischer Lenker“, was ich nicht glaube aber sei’s drum … alles schön und gut … indes, von solchen Zeitgenossen will und kann ich mich nicht verteidigen lassen. Unmöglich. Warum? Zu schlecht gekleidet. Physiognomisch zu ungelungen.

Das, was ich für gewöhnlich mit Links-Grüner-Zecken-Fashion verband, und weniger geht eigentlich nicht, tauchte hier plötzlich in erbarmungsloser Hässlichkeitswucht auf … Rechte, Nazis, extrem oder kreidesatt, bemerkten wir übrigens nur vereinzelt. Jedenfalls nichts zu sehen von den völkisch-brachialen Stoßkeilen, die unsere indirekte Demokratie zu zerstören in der Lage gewesen wären. Dafür Pulks der Polizei, die sich gaben, als würden sie all die Maskenverweigerer am liebsten erschießen. Was aus Karl Lagerfelds Blickwinkel vielleicht nicht die schlechteste Idee gewesen wäre.

Last but not least: Wenn es ein Pendant zum geflügelten Wort „Erfolg macht sexy“ gibt, dann diese Ansammlung von Menschen an jenem Tag 2020 in Leipzig.

Hilfe!!!“