Eine derb-frivole, nicht poesielose Satire über die Sehnsucht so manchen Mannes …
*Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden, Ähnlichkeiten zu realen Personen oder Vorkommnissen wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt.
Ingo Rim Chudoba, Autor
alle Rechte vorbehalten ©️
Prolog
Irgendwo in Europa, 2023
„Hab‘ dich nicht so mädchenhaft. Schütt‘ alles auf.“
Lennerts brummbärige Stimme begleitete seine Worte hörbar ungern; statt sie einzubetten in einen harmonischen, voluminösen Klangkörper, rotzte sie lediglich einige kehlige Tonfetzen in die stickig-stinkende, wie in einer Dampfsauna drückende Luft des winzigen Klos. Ächzend lehnte sich der Endvierziger an die mit Kritzeleien beschmierte Toilettenwand; „heute schon gestopft?“ stand da geschrieben, was „gefickt“ bedeutet, und auch ein paar Brüste waren recht stümperhaft aufgemalt. Zudem protestierte sich „Luxus für Alle“ und „Scheiße“ – Letzteres entlarvenderweise geschrieben mittels eben jener Substanz – in Lennerts glasige Augen. Offensichtlich war es ihm egal, womit er sein blütenweißes Eton-Hemd versaute; er rieb seinen herkulischen Körper wie ein Wildschwein an der Eiche gegen die Wand, so dass sie knarrte und beinahe zu zerbersten schien.
In solchen Momenten des Rausches, des Kampfes seines Blutes gegen die Gifte, blitzten oft abstruse Gedanken durch Lennerts Hirn. Dann dachte er an bestimmte Momente, an Snapshots, verschüttete Milch etwa, die geschlossenen Augen einer von ihm geküssten Frau, Fleisch, aus dem Bratensaft tritt. Oder Lennert sah raschelnde, von festem Schuhwerk durchpflügte Herbstblätter, ein aufgeschlagenes rohes Ei, den Dachfirst eines seiner zahlreichen gebauten Häuser … und mitunter sinnierte er übers Olberssche Paradoxon; es steht für einen zu aller Zeit hell leuchtenden Himmel, da jeder gen Kosmos gerichtete Blick, naturgemäß auf einen strahlenden Stern fallen sollte. Den Gedanken, dass es keine Nacht mehr gäbe, fand Lennert erschreckend. Transparenz als Begriff, nicht zuletzt auch im Wirtschaftsleben, verursachte in ihm schon immer Brechreiz.
Unterdessen schritt sein Kumpel Artur zu einer Tat, deren Wesen sich nicht gerade mit Gesetzestreue in Einklang bringen ließ. Geübt erfingerte er ein kleines Papiertütchen aus seinem Portemonnaie, leerte vorsichtig den Inhalt auf der sicher nicht ganz keimfreien Spülablage des Klos aus, und hackte mit seiner Visa-Card – die mangels Deckung längst nicht mehr ihren Ursprungszweck erfüllen konnte – darauf herum, um die teils körnige Substanz zu pulverisieren. Dies schien ihm wohl zweckdienlich, denn der Beobachter hätte einen gewissen akribischen Eifer, ganz so wie sie Uhrmachern oder Feinmechanikern eigen sein mag, feststellen können.
„Hm“, brummte Lennert und schob seinen Toilettengast beiseite, was dieser sich auch gern gefallen ließ. Überhaupt machte Artur einen knuffigen Eindruck; wer ihn nur ansah, bekam umgehend gute Laune. Ein Sympathikus. Über seinen Nachtfreund wusste Lennert nicht wirklich viel; sie lebten in verschiedenen Welten. Er selbst engagierte sich als Bauträger für die wohnwirtschaftliche Entwicklung in Fantasia, und Artur, nun ja, Artur ließ das Leben als Sturzbach des Seins in die ausgetrocknete Schlucht seiner Seele verschwinden. Doch ganz gleich, wann sich der bärbeißige Bauträger in die Stadt zum Feiern begab, auf Artur war Verlass. Stets tauchte dieser auf, und immer hatte er „Stoff“ dabei. Lennert liebte Verlässlichkeit, Beständigkeit. Ja, Artur war so gesehen ein seriöser Partner.
Bevor Lennert wankend wie umständlich versuchte, zunächst einen Fünfhunderter Geldschein aus der fetten, mittels Gummiring zusammengehaltenen Rolle etlicher weiterer Fünfhunderter zu ziehen, um ihn sodann zu einem Röhrchen zu formen, zückte sein Adlatus schon einen offenbar vorsorglich gekürzten Trinkhalm und sog eine der beiden – für den Kennerblick geradezu monströsen – Linien kraftvoll in die Nase.
„Ahhh“, frohlockte Artur unverschämt routiniert.
„Gib her“, forderte Lennert, wobei er seinen Geldschein nicht ohne Verachtung in die Hosentasche zurück stopfte. Dann war er an der Reihe.
Schnief.
„Geil“, grummelte er, den Blick auf halb acht.
Versorgt, wandten sich beide zum Gehen.
Ein Tritt – und die Toilettentür sprang begleitet eines mächtigen Kawumms auf! Dümmlich-verängstigte Blicke anderer Toilettenbesucher quittierte Lennert mittels breitem, diebischem Grinsen. Wie auch immer, die weitere Nacht wurde lang, ergoss sich irgendwann in eine blau-rote Melange aus Morgendämmerung und weichender Schwärze. Wie es Lennert aus dieser legendären Nachtbar heraus geschafft hatte, daran würde er sich später nicht erinnern. Genauso wenig, wie er nachhause gekommen war. Filmriss.
Am nächsten Mittag jedenfalls wurde er vom hektischen Geschrei einer Frau geweckt, seiner Frau, wie er bekennen musste.
„Wo warst du nur so lange?“, schrillte ihre Stimme. „Saufen, was? Mit deinen Freunden, hä? Die sind dir offenbar wichtiger als ich! Ja, ja, das kennen wir ja schon! Du änderst dich nie! Man sollte dir …“
Geschickt wie blitzschnell schraubte sich Lennert – einem Alligator beim Jagen gleich – pirouettenartig in seine geblümte Bettdecke, so dass er fast vollständig darin verschwand; nun drangen kaum mehr als dumpfe Satzfetzen zu ihm hindurch. Zufrieden und geschlossenen Auges schmatzte er, während sich der Satz eines Bauträgerkollegen, wiedergegeben in Trinklaune auf einem Empfang im Rathaus Fantasias durchaus in Hörweite vom Regierungschef, als Erinnerung entfaltete. „Miefmuffige Frauen am Morgen“, hatte dieser Bauträger-Kollege mit durchaus wichtigtuerischer Miene empfohlen „sollten entweder eins aufs Maul bekommen, oder deinen Schwanz lutschen.“
Auch, wenn Lennert ob des Gossenjargons peinlich berührt war, eine nicht undeutliche Spur Ablehnung innerlich wahrnahm, konnte sich ein Teil von ihm des Lachens nicht erwehren.
Dann dachte er an den heutigen Tag, der Stress und Endorphine zugleich bedeutete. Nichts Neues, das war seit Jahren der Fall. Sein Lebensrhythmus war geprägt vom Takt einer monströsen Zeitfressermaschine. Jeder Zipfel eines noch so winzigen Moments, den sie erhaschen konnte, verschlang sie und ließ ihn, den Bauträger, wissen, was ihn wirklich beherrschte. Heute standen zwei Notartermine auf dem Programm, unter anderem würde er endlich seine Wohnanlage Exklusiva verkaufen können; immerhin 5 Mio. Euro Gewinn sollte ihm dieser Deal bescheren, eigentlich 5,4 wenn nicht dieser überflüssige, erbärmliche, leprös degenerierte Makler wäre, den er ungefähr so ausstehen konnte wie einen Bandwurm. Doch zunächst erzwang sich Lennert Ruhe; er fühlte, wie er sie brauchte, spürte, dass noch immer ein Hauch von Rausch seinen Körper durchströmte, in den Kapillaren rumorte, an den Nervenenden zupfte. Dann verdunkelte diese seltsame Gestalt, die er tags zuvor in der Stadt begegnete, seine Gedanken. Fräste eine Schneise der Angst in Lennerts Verständnis über die Geschlechter. Er fragte sich, was – um Himmels willen – ist das? Ein transzendentaler Schatten? Der Witz eines Regisseurs in der täglichen Weltkommödie? Hitlers Rache? Oder einfach nur ein wandelnder Furunkel? Männlichen Ursprungs, soviel schien gesichert; fingerkuppenlange Bartstoppeln stachen durch rissiges, milimeterdickes Make-Up. Auch der Adamsapfel sprach Bände, die wulstigen Knie ebenso, wenn auch einigermaßen verhüllt von einer laufmaschendurchsetzten Damenfeinstrumpfhose. Im Neandertalergang der Gestalt entdeckte Lennert fraglos sein eigenes, tief empfundenes Entsetzen. Das langhaarige, künstlich-blonde Wesen stöckelte auf High-Heels an ihm vorbei, warf ihm einen Aufmerksamkeit heischenden Blick zu, nicht ohne einen linkisch korrespondierenden Hüftschwung in dem beengenden Minirock, und verschwand schließlich in der Menge. Fassungslos war Lennert zurück geblieben. LGBTQ, Lennart wollte kotzen. Er hatte Minuten gebraucht, um wieder klar zu werden. Dieses ETWAS verfolgte ihn nun also auch noch im Halbschlaf.
Und während er weiterschlummerte, die rettende Süße des Schlafes erneut nach ihm griff, und ihn doch nicht gänzlich zu fassen bekam, so dass er gleichsam schwebte zwischen den Welten, zog ihn ein Traum in Bann. So verstieg er sich darin, als triumph-verwöhnter Einzelgänger und in pyruss’scher Manier siegendes Mannsbild klassischer Couleur, eine umgeträumte Realität zu erschaffen. Ganz groß schien ihm die Welt, und so klein wähnte er sich selbst, so klein … Lennert träumte von einer Art Walhalla, einer Ruhmeshalle des allerdings lebendigen Mannes; und dann zogen Wolken auf, unschuldig-weiß, gebettet in einen frech-blauen Himmel, sanft getrieben von lauen Winden, die sich darin zu gefallen schienen, auf des Ozeans Wellen zu tanzen, durch sie hindurch zu brisen, mit ihnen zu spielen, bis salzgeschwängerte Gischt mit den Brisen kokettierte, ja, bis ein ferner, ferner Strand am Horizont die Wellen brach. Nun war er angekommen, der träumende Lennert, und ward fortan gefangen in seinem Bild von „Bauträger-Island“ …
Alphatiere
Der Bauträger; ob von großer oder kleiner Gestalt, kahlköpfig wie gesegnet üppigen Haarwuches, gebildet oder eher einfach strukturiert … immer, ja wirklich immer, ist dem Bauträger ein spezifischer Habitus eigen. Bestimmte Verhaltensmuster, Gesten, Blicke und sonstige Gebaren unterscheiden ihn psychologisch und auch optisch wahrnehmbar von der Masse der Unternehmer. Dafür existieren profunde Gründe. Man muss sich vergegenwärtigen, der Bauträger … baut. Er … erschafft, was dem Menschen tiefes Bedürfnis ist: … Obdach. Damit ist er Fundament und Regulativ des Menschseins. Ebenso wie sich die urzeitgeschichtliche Errungenschaft „ich habe Feuer gemacht“ in des Mannes Gene festgefressen hat, steht dem Bauträger ins Gesicht geschrieben, dass er eben baut. Alle Dominanz spiegelt sein Konterfei wider, in den ehrfurchtsvollen Augen anderer ist er eine Bestie, ohnehin der Boss – und zahlreiche Gewerke sind von ihm abhängig. Seine Welt, ein eigenes, in sich geschlossenes, von vielen untertänigen Protagonisten getragenes System; wirtschaftlich, gesellschaftlich, ja, auch soziologisch. In seiner Hemisphäre übernimmt der Bauträger die Funktion von … Gott. Natürliche Feinde? Besitzt er en Masse, von denen die meisten ihm unterlegen sind. Er weiß, der Wert eines Mannes bemisst sich auch nach der Anzahl seiner Feinde. Und Feindschaften wollen ebenso gepflegt sein wie Freundschaften.
Nur die Banken und das Finanzamt wären in der Lage, sein Imperium ins Wanken zu bringen; aber er besitzt, wovon Institutionen mittelbar letztlich leben: Initiativkraft und Wagemut. Energien übrigens, die den Finanzamt-Bütteln suspekt sind; allein die Erklärung, warum sich dieses oder jenes Geschäftsessen mit zweitausend Euro ausnahm, und warum es Amarone sein musste und nicht Rosenthaler Kadarka oder irgendein anderer ostzonaler Nierenquetscher, gebiert im minderbemittelten, kleinkrämerischen Beamten den Neid des Besitzlosen und infolgedessen das „Kleinermannsyndrom“. Welches in Heimtücke und Machtdemonstrationen mündet, etwa der Streichung von potentiell absetzbaren Kosten. Oder in einer geradezu widerwärtigen Penetranz beim Fordern von Geld, das sie selbst nicht verdient haben, aber, gedeckt von fragwürdigen Steuergesetzen und einer durch die Journaille geschürten Stimmung, dass jeder per se ein Betrüger sei, der seinen steuerlichen Pflichten nicht nachkommt, eben eintreiben. Hmh … Sie sollten mal einem wie-presse-ich-den-bürgern-das-geld-aus-der-tasche-kurs dieser Leute beiwohnen; eine Hirnwäsche auf dem fränkischen Schulungsgelände einer einst nicht ganz einflusslosen Massenbewegung nähme sich im Vergleich dazu wie Kumbaja trällern aus, oder wie Ringelreihen tanzen.
Den Bauträger juckt dies alles herzlich wenig, er öffnet einfach die Portokasse; wenn er überhaupt etwas empfindet, dann eher Mitleid mit den läuseknackerischen Erbsenzählern, ja, parasitären Milben von Amts wegen.
Zudem scheint der Bauträger eine besondere Eigenart mit der Muttermilch aufgesogen zu haben; einmal angefangen, kann er nicht mehr aufhören zu bauen, mehr und mehr, höher und höher, besser und schöner – und nicht selten auch teurer.
Der wahrhaft große Bauträger aber ist ein Baulöwe. Dieser Titel kommt nicht von ungefähr. Im Löwen erkennen wir den König der Tiere. Er beherrscht – und er ist männlich. Viele große Namen verbinden sich mit Baulöwe. Praktisch schon jeder Herrscher in der Antike – ob geistig-religiös oder weltlich, ganz egal – war einer, ein solcher Baulöwe, auch, weil er sich Denkmäler erschuf. Nero übertrieb es wohl etwas, als er Rom erst niederbrannte, um es dann neu entstehen zu lassen. Und auch Hitler schickte sich an, der größte Bauträger aller Zeiten zu werden, indem er eine gigantische Kapitale namens Germania erbauen lassen wollte. Hat zwar nicht geklappt, weil sich „tausend, tausend“ Jahre auf magere zwölf reduzierten, aber der Kern der Botschaft wurde so freigeschält: Der Bauträger kann herrschen. Der Bauträger MUSS herrschen.
Sein Weg ist auch der eines Kriegers. Er muss stark sein, unbeugsam und auf seinem Kriegspfad kämpfen, um zu … errichten. Eine Fehlplanung und der Feind stößt ihm in die Flanke. Ein zweiter Fauxpas – und er ist tot.
Der Bauträger weiß dabei genau, ohne Geld zu sein, ist allerorten nicht gerade erstrebenswert, oder, um es in seiner bevorzugten Sprache zu sagen, einfach nur … scheiße. Und auch, wenn er den Gebrauch dieses fäkal’schen Wortes durchaus perpetuiert, bevorzugt bei der Kommunikation auf seinen Baustellen, weil der Enrico oder der Kevin mit indiskutabel oder zu verbessernder Performance nun mal nichts anfangen können, man ihm – dem Bauträger – also eine Art Affinität zu scheiße bescheinigen könnte, achtet er mit des Argus misstrauischen Augen darauf, dass es ihm eben nicht so ergeht. Und so kommt es, dass allen wahrhaft authentischen Bauträgern eine Spezifika zuzuschreiben ist: sie machen Geld. Viel Geld. Was sich auf ihr Konsumverhalten auswirkt.
Alles, was die Welt zu bieten hat, besitzen oder genießen sie, die Bauträger. Yachten, Fußballvereine, schöne, nach Honig duftende Frauen, Mammon in jeder denkbaren Form, Macht und Lakaien in politischen Ämtern. Bauträger können es sich leisten, nur saubere Drogen zu nehmen, und nicht etwa irgendwelchen gepanschten Chemo-Dreck. Verdammt, sie können es sich sogar leisten, gar keine Drogen zu nehmen. Sie fahren zwei Mal im Jahr an die Côte Azur, und im Winter nicht etwa ins plebejische Österreich sondern – natürlich – ins schweizerische St. Moritz. Sie spielen Golf, verzehren kumuliert zwei Châteaubriand vom Charolais-Rind im Monat (auch Kobe wäre machbar, aber das Fleisch der mit Bier gefütterten, im Wasserbad massierten Japse-Rindviecher, die kaum stehen können, macht auf Dauer fett), trinken 15jährigen Rum für achthundert Euro die Flasche und wenn es Rotwein sein soll, dann nur vom Besten, Sassicaia, Ornelaja, Chateau Petrus und Co. lassen grüßen …
Wer so viel besitzt, und sich den Verlockungen der irdischen Genüsse enthemmt hingibt, ist bald gelangweilt. Tödlich gelangweilt. Mit der Folge des Überdrusses. Was passiert, wenn Männer dieses Schlages an Überdruss und Überfluss leiden? Hm? Richtig. Sie neigen zu Hybris und der Flug in die Sonne scheint nur eine Frage der Zeit. Oder – und dies verschafft ihnen eine Atempause vor dem finalen Ascheschlag, ja, dem Sturz in den Hades – sie entfalten plötzlich Kreativität, erfinden sich neu, fliehen vor der Langeweile, in dem sie sich … probieren. Und profilieren. In der Kunst zum Beispiel. Wenn auch – von einigen Ausnahmen abgesehen – mangels Masse eher als Sponsoren und generöse Gönner, aber immerhin. Ohne Bauträger hätte es die Kunst ungleich schwerer, zu existieren. Sie kaufen auch schon mal ein Bild – sinnlos teuer, und so eigen, dass sich sein Motiv jedem Betrachter verschließt – aus purem Mitleid. Überhaupt betrachten sie Künstler eher wie … Insekten. Wie Wesen aus einer anderen Welt. Argwöhnisch beäugen sie sie. Sie sind sich nicht sicher, ob sie sie eher zerquetschen oder leben lassen sollen. Bauträger empfinden beim Anblick von Künstlern gemischte Gefühle; es schwingt eine seltsame Mixtur aus Bewunderung, Mitleid und Unverständnis mit. Da Bauträger aber alles andere als kurzsichtig sind, und ihnen natürlich nicht verborgen geblieben ist, dass mitunter so ein eigenartiges, malendes, singendes, formendes, dichtendes Geschöpf den Olymp erklimmt, und die Welt ihm zu Füssen liegt, obsiegt ihr Hang zur Kunst.
Manche Bauträger schieben sich ins öffentliche Licht, veranstalten clowneske Opernbälle oder pompöse Charitys. Sammeln Spenden, in Millionenhöhe. Sie avancieren scheinbar zu Gutmenschen. Letztlich aber … ist der Bauträger ein zu Außerordentlichem befähigter Sonderling.
Das Refugium
Island; aus dem Englischen, gleichbedeutend mit Insel. Was eine Insel ist, wird sicher jedem Leser geläufig sein – aber nicht alle werden wissen, dass ein knappes Viertel sämtlicher Staaten dieses Planeten Inselstaaten sind. Der neuntgrößte Inselstaat zum Beispiel ist Island, der kleinste Nauru. Ein Blick dahin führt uns in den Pazifik, etwas oberhalb der Salomonen. Scheinbar unendliche Wasserweiten, azurblau, nur selten gesprenkelt mit kleinen Inseln und Atollen, die einst von Asien aus mit Einbäumen bevölkert wurden. By the way, Thor Hayerdahl hat sich geirrt … Aber das ist eine andere Baustelle …
Nauru jedenfalls ist so klein, dass es nicht mal eine Hauptstadt besitzt. Immerhin rund zehntausend Insulaner bevölkern das sonnenverwöhnte Eiland. Man stelle sich vor, praktisch jeden Tag Sonne, morgens, mittags, abends, immer wieder, Jahr aus, Jahr ein. Beständige 27 Grad Lufttemperatur sorgen für einen gefühlten Dauersommer. Kaum denkbar, aber es ist dort immer warm. Und auch der Mond scheint ein magisch-warmes Meer küssen, dass sich nicht mehr abzukühlen vermag. Sommer im Überfluss. Führt zu Überdruss. Weshalb die Naurulesen … fressen. Sie fressen, als gäbe es kein Morgen. Polynesische Küche satt. In Mengen, in Unmengen. Und nicht etwa die gepflegte Bauträgerabteilung, a la Hummer & Co. sondern alles, was geht, was eben hineinpasst. Sie nehmen so viel davon zu sich, dass sie sich den zweifelhaften Ruf erfressen haben, die fettesten Menschen der Welt zu sein, ja, sie lassen sogar die Popcorn- und Burger-Monster von Memphis, Tennessee, jene schwergewichtigen, schwarzen michelinmännchen-gleichen Fleischberge, die sich nur bewegen, wenn sie zum Supermarkt müssen, oder zu McDoof, wie Magersüchtige erscheinen.
Bringt also eine Insel Glück und Manie zugleich? Kommt nach dem paradiesischen Traumstrand etwa die … Depression? Probieren Sie’s mal getrost mal aus. Hängen Sie an die 14 Tage Malediven noch eine dritte und vierte Woche dran; ich fürchte, die Palmen hängen Ihnen bald zum Halse heraus, ebenso wie Ihre Frau. Inselkoller, kein Begriff für Harmonie und Freude. Sie glauben mir nicht? Schauen Sie doch nach Irland. Die Iren … Hm. Wussten Sie, dass Freuds Psychoanalyse bei den Iren nicht verfängt? Sie scheinen unter einem Dauer-Inselkoller zu leiden, weshalb sie sich auch ständig betrinken müssen. Die Iren sind manisch veranlagt, trinken, bis sie den Teufel auf dem Boden ihrer Gläser entdecken. Die Deutschen sollten froh sein, nicht auch auf einer Insel zu leben. Sie mit ihrer Fähigkeit von himmelhochjauchzend in zu Tode betrübt zu fallen, und dies innerhalb von Sekunden, würden vermutlich die Iren wie harmlose Sittenwächter aussehen lassen. Und doch … eine Insel verspricht die Erfüllung von Träumen, paradoxerweise Freiheit – obwohl umschließendes Wasser die Freiheit auf natürliche, physische Weise begrenzt –; sie, die Insel, verspricht einen anderen Weg, einen Ausweg aus dem Trott des medial und wertebezogen weichgespülten Alltags. Sie suggeriert ein Entkommen von der Verweichlichung des Mannes, die unweigerlich in den physischen Schwanzverlust 2.0 führt. Sie wissen schon. Schwanzverlust. Vor Millionen von Jahren. Im Miozän, im frühzeitlichen. Da fiel er ab, der Schwanz, den wir bis dahin am Steiß hatten. Abgefallen, weil ungebraucht, überlebt, überflüssig wie ein Kropf. Bei 2.0 fällt ein anderer Schwanz ab, der des Mannes. In jedem Falle wird er miniaturisiert. Wozu noch einen richtigen Penis? Die absehbaren Nachfahren der heutigen Männer – also mutmaßlich eunuchischen, egozentrischen, weinerlichen Gestalten, die mangels gesellschaftlichem Bedarf schlicht unnötig sein werden – melkt man einfach, in den Vorzimmern von Samenbanken. Ihr Sperma wird schlicht abgesaugt, direkt aus den Hoden, ohne erigiertem Glied und Ejakulation.
Wozu also einen Penis? Für Sex? In hundert Jahren? Wenn die ganze Welt ein einziger Christopher Street Day geworden ist? Wenn Frauen, erfinderische Schwule und degenerierte Ex-Männer sich längst cyberbasierender Hologramme und neuroplastischer Spielzeuge bedienen, um sich – wer weiß schon wo am Körper? – zu stimulieren? Wo doch der Orgasmus überwiegend im Kopf stattfindet? Nein, nein, das männliche Geschlecht ist dann vermutlich so überflüssig wie der Schwanz unserer Vorfahren. Da haben wir ihn wieder. So mancher, von Ungeduld und vorauseilendem Gehorsam gegenüber seinem Fatalismus getrieben, mag keine hundert Jahre warten und schnippelt schon heute an sich herum …
Es kann einem schon Angst und Bange werden, oder mindestens melancholisch ums Herz, wenn man an das Ende der Männer, insbesondere der deutschen, als Spezies denkt. Und das ist in vollem Gange, kaum mehr aufzuhalten. Die deutschen Männer haben so alles Mögliche akzeptiert, auf ihrem Gang ins Schlachthaus der Geschichte.
Erst der schleichende Verlust ihres Status Dominus durch die Emanzipation schlechthin, die sich über das Wahlrecht der Frauen, die Bevorzugung der Mutter vor Gericht, dann im Besonderen als Rolle rückwärts über die Beinahegleichstellung des Mannes als Mutter, hin zur Frauenquote tief in unser Mark gefressen hat. Gender-Mainstreaming ist überall. Unlängst war von einem französischen Kindergarten zu lesen, in dem Jungs ein mal pro Woche in Röcken zur Schule müssen …
Das alles steht im krassen Widerspruch zur Psyche des Bauträgers. Eines Weges, der von Kindheit an vorbestimmt ist … Und der bis in den Tod und darüber hinaus seinem heterogen gepolten Phallus folgt. Oder können Sie sich einen Alkohol meidenden, veganen, schwulen Bauträger vorstellen?
Vielleicht wäre ein besonderer Ort die Rettung dieses drohenden Unbills?
Im Paradies
Bauträger-Island; eine deutsch-englische, nicht gerade dudenkonforme Wortschöpfung, die jenen Ort im pazifischen Ozean bezeichnet, an dem primär Bauträger und – nach der Absolvierung strenger Eignungstests – niedere Chargen, ebenda Architekten, Makler, Projektierer und dergleichen Volk, einen Inselstaat bilden. Bauträger-Island, ein Platz, an dem Männer noch Männer sein dürfen, und Frauen … ähm … Frauen. Auf Bauträger-Island sucht man vergeblich rosarote Plüschtiere, Jungs in Strapsen oder Mädchen mit Bart. Es ist die naturgegebene physische Dominanz des Mannes, die auf der Insel eine Art Kur erfährt, um Abstand zu gewinnen, um sich zu erholen, von Überemanzipation, und – metaphorisch gesprochen – Nudelholz schwingenden homosexuellen Politikern, Christopher Street Day und eunuchenhaften Männern mit kunstvoll frisierten Augenbrauen.
Wer jetzt vielleicht denkt, Schwulen würde der Zutritt zu Bauträger-Island verwehrt, irrt. Schließlich ist auf der Insel kein Platz für Ausgrenzung und Diskriminierung; allerdings ist Sex unter Männern verboten. Ebenso wie die Entfernung der natürlichen Körperbehaarung. Intimhaar-Rasuren sind Beleg für den Verlust von Männlichkeit und deshalb ebenfalls verboten. Wer erst einmal anfängt, sich in aufwendiger, körperlich wie dehnungsbedingt nicht anspruchsloser Prozedur die Hoden zu rasieren (allein die bildliche Vorstellung zieht einem gesunden Mann doch die Schuhe aus, meinen Sie nicht?), findet vielleicht dereinst Spaß daran, die Wimpern zu schminken? Rouge aufzulegen? Oder Frauenzigaretten zu rauchen? Sie wissen schon, diese dünnen, langen, parfümierten … Nein, nein … Bauträger-Island ist ein pazifischer Manneshort, jedenfalls nichts für zartbesaitete Chimären.
Es gibt auf Bauträger-Island auch eine Regierung, eine Legislative, Exekutive, sogar eine Judikative. Natürlich jeweils besetzt von Bauträgern, wobei Ausnahmen möglich sind, denen jedoch aufwendige Tests zur Sicherstellung einer bauträgerkonformen Geisteshaltung des Bewerbers für das jeweilige Amt voranzustellen sind. Das Amt des Präsidenten bleibt den Bauträgern vorbehalten, das des Strandgutwächters – ohnehin ein Lakai – den Natives. Staatsdoktrin ist die Herrschaft des Weißen Mannes. Religionen – so feurig sie auch manifestiert sein mögen – werden (wenigstens) als das verlacht, was sie sind, als positive Selbstverarschung. Und schlechterdings als Beleidigung der Menschenwürde. Denn mit oder ohne Religion würden gute Menschen Gutes tun und böse Menschen Böses. Aber damit gute Menschen Böses tun, bedarf es der Religion. Deren Prediger auf Erden, längst entlarvt im Mahlstrom dialektischer Irrungen, zeigen ihr wahres Gesicht, aber mangels Anwesenheit eben nicht auf Bauträger-Island.
Amtssprachen sind deutsch und französisch; englisch, polnisch, griechisch wie russisch (Ersteres ohne amerikanischen, Letzteres aus aktuellen Anlässen ohne ukrainischen Akzent) dürfen gepflegt und im täglichen Sprachgebrauch angewandt werden. Alle anderen Sprachen hingegen gelten in Bauträger-Island als … abgeschafft. Vakanter Härtefall ist Japanisch; derzeit wird von den Gremien geprüft, ob es nicht vielleicht doch sinnvoll wäre, eine Art asiatische Quotensprache zuzulassen, sicher, unter strengen Auflagen, sozusagen überwacht. Immerhin spricht die durchaus männliche Phonetik für eine solche Ausnahme.
Anstelle der zehn Gebote und irgendwelcher (ohnehin meist hypokritischer) Verfassungen tritt ein Code de l’île. Ein Regelbuch für die Insel. Hier ein Auszug desselben.
Regel Nummer eins: Bauträger tötet nicht Bauträger.
Regel Nummer zwei: Niedere Chargen erhalten Zutritt zu Bauträger-Island erst mit erfolgreicher Absolvierung einer Eignungsprüfung, und die annähernd gleichen Rechte der Bauträger – wie etwa das Wahlrecht oder das Halten von freiwilligen Luxussklaven – nach einer Probefrist von zwei Jahren. Dann erhalten auch sie, was jeder Bauträger automatisch bekommt; das blaue Band. Ein aus Rochenhaut gefertigtes Accessoir. Es ist stets sichtbar am Handgelenk zu tragen.
Regel Nummer drei: Bruder geht vor Luder.
Regel Nummer vier (gilt nur für Männer): US-Amerikanern, Ukrainern und Moslems ist der Zugang zu Bauträger-Island verboten (Anmerkung des Autors: dieses Verbot der Amis begründet sich nicht etwa – wie vielleicht zu vermuten wäre – auf Antiamerikanismus, sondern dem Herrschaftsanspruch der Bauträger, der in scharfem Kontrast zum neo-römischen Imperialgehabe der Amerikaner steht; mit dem Verbot soll ein Konflikt im Keim vermieden werden. Ukrainer wiederum sind unerwünscht, da auf Bauträger-Island Korruption, Faschismus und Verrat per se ausgeschlossen sind; Ukrainer hingegen, die sich russifizieren lassen, erhalten eine Ausnahmegenehmigung. Moslems sind … ach, wen juckt‘s? Sie sind einfach unerwünscht).
Regel Nummer fünf: Für aufgrund der ständigen Sonneneinstrahlung dunkel eingefärbte Bewohner von Bauträger-Island gilt Regel Nummer sechs nicht.
Regel Nummer sechs … Ähm, belassen wir es bei diesem Auszug.
In Bauträger-Island trägt ein Etat die Inselstaatsausgaben; bestritten wird der Haushalt aus dem milliardenschweren Bauträger-Fonds, der jährlich neu festzusetzen, und nach einem Verteilerschlüssel von den Bewohnern aufzubringen ist. Ansonsten ist der Geldverkehr sinnlos, da überflüssig. Alle Waren des täglichen Bedarfs, Alkohol und Drogen sind kostenfrei an den so genannten Labsal-Magazinen erhältlich.
Arbeiten ist grundsätzlich verpönt, wenn auch nicht verboten; das Vergnügen und die Pflege urnatürlicher Gegebenheiten, etwa das Ausleben von Jagdinstinkten, stehen im Vordergrund.
Frauen genießen freien Zutritt nach Bauträger-Island; nur bewerben müssen sie sich. Zurzeit herrscht ein Überangebot an Bewerberinnen. Aus aller Welt drängen sie auf die Insel. Sie ist so verlockend, dass sogar ukrainische Mütter, einst im sowjetischen Geiste erzogen, ihre Töchter darbieten. Die Konkurrenz schläft also nicht. Frauen müssen sich schon was einfallen lassen, um Zugang zu erhalten. Eben kreativ sein. Haben sie diese Hürde geschafft, an der die meisten scheitern, müssen sie weder für Kost, noch Logis aufkommen, und schon gar nicht arbeiten. Sicher, niemand auf Bauträger-Island käme auf den Gedanken, Frauen das Arbeiten zu verwehren, schon der moralischen Komponente wegen; indes, es gäbe keine Möglichkeit. Alle Arbeit wird getan. Frauen können machen, wonach ihnen der Sinn steht. Sogar Lesen! Oder … sich auch mal tiefere Gedanken machen. Und jedes Genussmittel, das es auf der Insel gibt, erhalten sie gratis, ebenso wie jedwede Pflege, Maniküre, Petitküre, Frisörbesuche, Wellness und Spa sowieso; sie haben Zugang zu allen Sportaktivitäten, sämtlichen öffentlichen Einrichtungen, wie etwa das Amphitheater, das Korallen-Riff-Kino, der Polo-Strand, die Erotik-Bucht, die Porno-Lagune u.s.w. Sie genießen sogar Zugang zur Pont de Clochards, der Pennerbrücke, welche ursprünglich nur Bauträgern vorbehalten war, die dort zwischen Chateau Petrus und einer künstlich geschaffenen Kloake nächtigen, ganz einfach um auch mal das clochard’sche savoir vivre zu erleben. Aber das ist noch nicht alles. Denn schönheitschirurgische Eingriffe sind ebenso kostenfrei, wie die Nutzung der Bildungseinrichtungen. Frauen erfreuen sich auf Bauträger-Island eines stresslosen, verantwortungsfreien, sinnlosen, privilegierten Lebens. Um in dessen Genuss zu gelangen, müssen sie nicht wirklich viel tun, nur drei Dinge beherzigen: erstens, eine ästhetische Grundoptik vorweisen, über die der Bauträger-Island-Ästhetik-Rat befindet (und die Auslegung ist durchaus großzügig bemessen, da des Mannes Präferenz von kapriziös bis Rubens reicht), zweitens, Sex unter Frauen ist verboten. Ja, ja, ja, liebe Zuhörer … die scharfsinnigen unter euch haben freilich die Heimtücke hinter diesem Verbot erkannt, hm? Und schließlich müssen sie, die Frauen, verschwinden, die Insel für immer verlassen, ja, gegebenenfalls sogar leiden, wenn sie entweder das Verfallsdatum überschritten haben, oder eine feste Beziehung eingegangen sind, die von ihnen beendet werden sollte; es ist dem Bauträger, und auch allen anderen männlichen Bewohnern mit dem blauen Band, nicht zuzumuten, als Verlassener seine Ex mit einem Rivalen zu sehen. Ausnahmen sind möglich, sofern der Verlassene freistellt.
Ein Wort zu den Natives und freiwilligen Luxussklaven …
Oft sind beide identisch, weil sich viele der die Arbeiten auf Bauträger-Island verrichtenden Sklaven aus den Natives rekrutieren. Aber im Prinzip kann jeder ein solcher Sklave werden. Der Begriff Sklave ist dabei nicht im ursprünglichen Sinne zu verstehen; es gibt keine körperlichen Züchtigungen mit Peitschen und dergleichen … Es geht eher um die Zementierung einer definierten Rollenverteilung, die mit Sklave und Bauträger-Island-Bewohner polartig gegeben ist. Er, der Sklave, muss sich jedenfalls nur beim Bauträger-Island-Rat bewerben, genommen werden, und sich befristet für ein erkleckliches Honorar in den Dienst des Inselstaates stellen. Auf Bauträger-Island gehen ausschließlich glückliche Sklaven ihrer Neigung zur Gefügigkeit nach.
Natives sind die polynesischen Ur-Einwohner, die sich in den für sie bestimmten Arealen, den so genannten Out-Coasts, die etwa ein Drittel der Insel ausmachen, da, wo es besonders schön sonnig ist, auch frei bewegen dürfen. Bauträger-Island-Bewohner haben dort die Rechte und Befindlichkeiten der Natives zu respektieren. Sex mit ihnen ist – bei Verbannung – strengstens verboten; eine Regelung, auf die insbesondere der Häuptling der Natives, Ndakondo Nduru, ein Parvenu übrigens, der sich gern in westlicher Garderobe verkleidet, bestand.
Niedere Chargen
Beteiligte der Bauträgerwelt, ohne selbst Bauträger zu sein. Hierzu zählen leitende Angestellte in den Verwaltungsbüros von Bauträgern ebenso wie Architekten, Immobilienvertriebe, Makler, Grafiker, die für Bauträger designen, und so weiter. Explizit ausgenommen sind Rechtsanwälte und Steuerberater, auch wenn sie ausschließlich für Bauträger tätig sind; die diese beiden Berufsgruppen auszeichnenden Eigenschaften, insbesondere die Bedenkenträgerei und das Besserwisserische, vertragen sich nicht mit dem Wesen des Bauträgers. Ausnahmen können nach Antragstellung vom Bauträgerrat, sprich der Regierung in Bauträger-Island, erlassen werden, jedoch ist das vorangehende Prozedere besonders aufwendig; so zum Beispiel muss der Antragsteller ein einjähriges Unterwürfigkeitsritual über sich ergehen lassen und den abschließenden Demutstest bestehen.
Zu den niederen Chargen zählt auch die Gattung des Vertriebskoordinators, ein Hybrid aus Makler, Immobilienvertrieb und Bauträgerfreund. Dieser Faktor der Bauträgerwelt verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er unique ist. Seine Singularität – ja, liebe Zuhörer, der Urknall entstand aus einer solchen – schöpft sich aus den besonderen Fähigkeiten, die ihm inne wohnen. Er ist der Schmierstoff, der das Räderwerk der Bauträgerwelt geschmeidig hält. Er ist des Bauträgerschiffes Kraftstoff im Universum eines unendlichen Obdachtraums. Er, der Vertriebskoordinator, ist zugleich Monster, Hure, Kapitalbeschaffer, Mediator, Verkäufer, EDV-Experte, Spion, Faultier und manchmal der Fleiß in Person. Und mitunter, in bestimmten, seltenen Konstellationen, die vom Schicksal gewoben ein Netz aus Begehrlichkeiten und Chancen in die Flut der Geschehnisse werfen, steigt er auf, erhebt sich, über die Wasser, und schreibt sein Diktat in die Welt. Dann beginnt sie, die Metamorphose, und Gestalt um Gestalt wird durchwirkt; so gewandelt, erblickt er schließlich …
„Verdammt nochmal, jetzt steh endlich auf! Raus aus der Soße! Saufen bis zum Umfallen, aber nicht arbeiten können! Was ist mit dir los? Bist du ein Mädchen?“
Lennert, verblüfft wie enttäuscht zugleich, vor sich das wutschnaubende Gesicht seiner Frau, fuhr aus dem Schlafe empor und im allerletzten, den verlorenen Traum bedauernden Moment … sah er ihn, den neu geborenen Bauträger.“