Wenn der Titel nicht schon widersprüchlich ist? Darf ich für einen Freund fragen?
Israel bombardiert den Libanon, attackiert die terroristische Hisbollah, übt sein Recht auf Selbstverteidigung aus, sagen die einen, zeigt seine kriegerische, aggressive Fratze, sagen die anderen.
Die Welt, soweit sie sich traut und darf, diskutiert. Oft, wer will es bestreiten, auf der Ebene der Symptome.
Das trübt den Blick, aller.
Empfehlenswert sind zwar Gespräche (wie ich sie en Masse führte) mit den direkt Beteiligten, Arabern/Palästinensern und Israelis/Juden, aber auch diese sind zumeist in ihrem Blickfeld limitiert, emotional befangen, insbesondere, wenn sie persönlich gelitten haben oder wenn sie propagandistisch gelenkt sind. Und die meisten sind der Verdrängung unangenehmer Wahrheiten nicht unfähig. Das gilt für Araber und Juden gleichermaßen, ja, das gilt auch für diejenigen unter uns im Westen und Osten, die tieferen Anteil an dem Konflikt nehmen.
Man kann aber weder mit einem „klassischen“ Araber/Palästinenser das Thema über die Symptome hinaus diskutieren (weil man eben dort hängen bleibt), noch mit einem Israeli. Von Ausnahmen abgesehen.
Das Problem besteht darin, dass sich beide Seiten im Recht wähnen und tatsächlich beide Seiten Recht haben.
Ob Israel im „Arabischen Fleisch“ gedeiht, lebt, wuchert oder fault, ist – Shakespeare lässt grüßen – Überzeugungssache; Wie es euch gefällt. Ob die Araber aus ihren seit Ewigkeiten angestammten Gebieten willkürlich vertrieben, oder die Israelis „Nachhause“ gefunden haben, ist jeweils nicht falsch; da vermengen sich Geschichtsdeutung und Wunschdenken, politischer Wille und Rechtsbeugung, Willkür und das Recht des Stärkeren. Von den Religionen ganz zu schweigen.
Ob die Hisbollah (oder auch die Hamas) – einseitig ausgemachte Wurzel allen Übels – eine Terrororganisation ist oder Freiheitskämpfer sind, hängt einzig vom Standpunkt und diesen zementierenden Legalitätsstatus ab.
Wenn die Hisbollah tötet, sterben Menschen aus einer Motivation heraus, die von den Meuchelnden als gerecht empfunden wird. Genauso gerecht wie jene, die zum Tod von Arabern führt, wenn die das Schwert führende Hand eine israelische ist.
Unabhängig davon, dass die Hisbollah Instrument ist und übergeordneten Interessen dient; das tut der Mossad auch.
Partei zu ergreifen, ist indes legitim.
Aber ein jeder sei gewarnt, dass seine guten Argumente – z. Bsp. die Unverhältnismäßigkeit der israelischen Gewalt, Bombenterror gegen Zivilisten, das Gaza-Ghetto an sich war und ist der Horror, perfider Landraub einerseits, oder überbordender Hass, Null Toleranz, Morde an Zivilisten, die ständige Aufrechterhaltung einer existenziellen Bedrohung anderseits – neben ihrem Wahrheitsgehalt eine heuchlerische Komponente beinhalten. Und Aufwiegen, a la Kopf für Kopf, Gewaltakt gegen Gewaltakt, Anspruch gegen Anspruch, gilt nicht ob der jeweils ungleichen Ausgangslage.
Ein israelisches Kind dafür verantwortlich zu machen, dass Theodor Herzl einst die jüdischen Einwanderungswellen befeuert hat oder dass britische Politiker willkürlich Grenzen gezogen haben, ist genauso falsch und ungerecht, wie es ungerecht und falsch ist, den Palästinensern ein Leben in Würde vorzuenthalten.
Und wer glaubt, die Palästinafrage und der Libanon gehörten nicht auf ein Tablett, irrt. Alles ist kausal.
Involvierte wie Dritte (auch wir im Westen oder Osten also), können sich echauffieren wie sie wollen, sich im Recht wähnen, wie sie es empfinden, sie haben allen Grund sich sowohl zu echauffieren, als auch sich im Recht zu wähnen; es liegt aber in der Natur des Menschen, die Schwächen seiner Argumentation zu verdrängen. Und die gibt es auf beiden Seiten.
Es soll mir kein Israel-Sympathisant erzählen, dass er irgendetwas Rechtfertigendes daran findet, wenn Aisha, 10, ihren von einer Granate abgerissenen Fuß unter den Trümmern ihres Hauses sucht und neben dem zerfetzten Körper ihrer Mutter findet. Oder kein Palästinenser-Freund, der meint, der 8jährige Moshe hätte nicht nur seinen Vater zu verlieren, erschossen auf offener Straße, sondern er hätte sich ins Meer zu begeben, als Nichtschwimmer.
Wenn nicht endlich die Erkenntnis greift, dass der Konflikt durch beiderseitigen Verzicht und Vergebung beigelegt werden kann/soll, bleibt nur der ultimative Kampf. Und ewiger Revanchismus.
Dann aber ist jedes Mittel „recht“, bar jeder Menschlichkeit, und es gibt weder Terroristen, noch Kindermörder, und keiner solle sich moralisch erheben über den anderen. Sie alle wären verachtenswert, wenn sie es nicht schon sind.
Eine dritte “Lösung” deuchte mich die (nennen wir sie so) „Antik-Römische“. Welt: Warum nehmt ihr beiden Parteien nicht die Macht, zum Schutz ihrer eigenen Unschuldigen und Schwachen, der Kinder und Zivilisten; warum entwaffnet eine globale Schutzmacht nicht alle, schier alle, begrabt der Streithähne Armeen, und schafft einen Ökumenischen Raum, eine staatenlose Sonderzone des Friedens? Eine, in der der Begriff „Heiliges Land“ nomen es omen ist? Vielleicht haben beide Parteien die Staatlichkeit oder die Möglichkeit dazu nicht verdient?
Natürlich ist dieser Gedanke illusorisch, kühn, provokant, eine überspitzte Vision der Rettung.
Aber im Vergleich zum drohenden, weltweiten Armageddon doch nicht die schlechteste Vorstellung. Oder?