1
Weil Lebenszeit, wie Cicero schrieb, von der Natur nur geborgt ist und daher jederzeit von ihr beendet werden könne, erfanden wir das Fegefeuer, den Himmel, die Hölle; Zins und Tilgung post mortem.
2
Wer sich nicht kennt, hat nicht danach gestrebt, sich zu erkennen; stattdessen beschäftigte er sich damit, Zeit zu vergeuden, berauscht von toten Dingen.
3
Der ersehnte nächste Tag ist für einen Menschen immer dann weiter entfernt, als das Ende der Unendlichkeit, eben nicht erreichbar, wenn der Vortag der letzte seines Lebens ist.
4
Entschlusskraft in uns gewinnt an entelechischer Bedeutung, wenn wir Erfolg haben; wild entschlossene, aber in der Sache gescheiterte Menschen sollten sich nicht ihrer Entschlusskraft rühmen.
5
Wer zu oft ablehnt, wird irgendwann nicht mehr gefragt.
6
Unaufschiebbares zu verschieben, bedeutet Flucht. Oder Faulheit.
7
Das Risiko der Liebe besteht darin, dass ihr Einsatz das Leben kostet, oder einen erklecklichen Teil davon.
8
Liebe verliert mitunter; Zeit und Raum sind mächtige Gegner.
9
Es kommt nicht auf den Versuch an; in der Selbstlüge finden wir Trost.
10
Wer herzlich lacht, kokettiert – bewusst oder nicht – mit dem Tod; in jeder Sekunde des Frohsinns spiegeln sich Übermut und Lebensfreude, als Trotz wider das unvermeidliche Ende.
11
Wir erkennen immer dann unsere existentiell tiefe Bindung zur Menschheit, gleich welchen Kosmos‘, etwa den der Familie, sobald wir dem gleichsam magisch fordernden, ebenfalls existentiell erscheinenden Drang nach Unabhängigkeit, auch Freiheit, insoweit nachgegeben haben, als dass wir daraufhin satt sind vor Erschöpfung und deshalb diese Form der Freiheit ihren Reiz verloren hat. Diese Ambivalenz des Lebens zeigt sich auch in der gefühlten Wertigkeit des Seins; oft nur drohender oder eingetretener Verlust von Lebenszeit wertet diese bewusst wahrnehmbar auf.
12
Wer die Wahl hat, hat nicht nur die volkssprichwörtliche Qual; zu wählen, gebiert die Angst vor Enttäuschung, Vorfreude auf Gewinn, Lust auf mehr, mitunter ein neues Leben.
13
In der Ohnmacht, empfunden als Kontrollunfähigkeit des Seins, erklärt sich die Bedeutung des Lasters. Vielgesichtig flößt es Leben ein, für den Moment.
14
Ertappt bei einer Lüge, fährt der Mensch mit seiner Täuschung fort: durch Kalkül.
15
Wer den Drang verspürt, sich in fetter, schwarzer Erde zu erden, zu suhlen wie ein Schwein, besitzt eine romantische Seele; er sieht sich, von Annehmlichkeiten oder gar Luxus umgeben, als Held, der zwischen den Welten zu wandeln imstande ist.
16
Der Freund der Liebe ist in gleichem Maße der Geruch, insoweit er auch der Feind der Liebe ist.
17
Gefühlte Bedeutungslosigkeit bei einem Menschen besitzt mitunter dann Bedeutung, wenn sie bei ihm die Frage nach dem Warum zutage fördert. So kommt es, dass solche Menschen Kraft zur Veränderung schöpfen.
18
Männer entspringen nicht nur dem weiblichen Schoße, sie sehnen sich ihr Leben lang danach.
19
Wenn Frauen entscheiden, revidieren sie hernach so gut wie nie; und wenn die Welten zusammenstürzen.
20
Die Rache einer Frau ist deshalb so gefährlich, weil sie von Liebe befeuert wird; es ist ihr (!) Objekt der Vergeltung, nicht das einer anderen.
21
Es gesellt sich mit der Zeit zum Mysterium der Frau der Makel des Verblassens; jene Frauen aber, die sich ihre Magie erhalten, sind wahrhaftige Göttinnen.
22
Nicht die Peitsche nimm zum Weibe mit, ein paar neue Schuhe tun’s auch.
23
Starke Frauen sind nicht nur an ihrem Willen zu erkennen, oder ihrem konsequenten Tun, sondern vor allem an ihrer Selbstachtung.
24
Es ist die Frau, die sich ihren Mann erwählt; sie entspricht damit einer göttlichen Ordnung.
25
Neben der Trauer und der Wut vermag vor allem eines der Frauen Verstand außer Kraft zu setzen: Oxytocin.
26
Frauen ohne Weiblichkeit sind der Feind der Menschheit, und des Schönen sowieso.
27
Die Schönheit der Frau lässt des Mannes Herz erzittern, manchmal auch vor Angst.
28
Mit der Hingabe einer Frau beweist sich das Leben; kein Leben ohne sie.
29
Während jede Frau, und sei sie abgrundtief hässlich bis verzückend schön, selbst in radikalster Verleugnung ihrer göttlichen Aufgabe, eben Frau bleibt, und damit ein beschützenswertes, begehrtes, ja, schwaches Geschöpf für den Manne ist, diversifiziert sich in unserem Zeitalter dessen Natur, splittet sich auf. Dieser „Verrat“ an der Natur wird dereinst mit dem Tod und damit völliger Ausrottung bestraft.
30
Männer halten deshalb verbissen an Ritualen und Gewohnheiten fest, und sei es ein wöchentlicher Rausch, Sport, eine schlechte Unart oder gefahrvolle Passion, weil sie sich dadurch und in solchen Momenten frei wähnen. Selbst dann, wenn diese Rituale sie in Wahrheit unfrei sein lassen.
31
Die Weisheit eines Mannes entspringt nicht – wie man meinen könnte – zuallererst seiner Erfahrung, und noch weniger seinem Wissen, sondern dem Zeitpunkt des Todes seiner Rebellion. Erst mit dem Ende des Aufbegehrens gegen „Irgendwas“ vermag er jene innere Ruhe und Balance zu finden, ohne die Weisheit unmöglich wäre.
32
Der Mann besitzt, neben seinem Beruf, ein zweites Rückgrat: seine Begierde.
33
Männer, die den Frauen gefallen wollen, und sei es durch hehre wie ehrlich empfundene Taten, kompensieren mitunter eine ihnen oft selbst unbekannte Schwäche.
34
Der größte Irrtum des Mannes ist der Glaube an seine Unfehlbarkeit; es ist ein Witz der Natur, dass so manche Frau, die sich diesen Irrtum zu eigen macht, dem Manne ähnlich wird.
35
In der Liebe zu einer Frau entfaltet sich des Mannes Glück. Es endet, wenn er eine zweite Liebe sucht.
36
Ein guter Mann muss funktionieren.
37
Ein Mann, der glaubt, seine Frau kontrollieren zu müssen, ist angsterfüllt.
38
Es wäre Irrglaube anzunehmen, Männer seien per se weniger schwatzhaft als Frauen. Männer indes, die Vertrauliches zu schützen vermögen, ziehen Geheimnisse gleichsam magisch an.
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Manchmal bist du nur deshalb bereit einem unsinnigen Vorschlag zuzustimmen, um der grandios-gähnenden Tristesse des immergleichen Lebens etwas hinzuzufügen: Chaos.
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Der Gewohnheit ist eigen, dass sie sich, sobald sie sich ausgebreitet hat wie ein ungeheuerliches Gerücht in kleinem Kreise, hartnäckig hält. Und deshalb sollte es keinen verwundern, der willens ist, eine Gewohnheit zu unterlassen fortan, wenn er eben dabei an Hautpilz denkt.
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Wenn alles in deinem Leben außer Kraft gesetzt scheint was bisher zählte, wenn die Welt erstrahlt und selbst die düsterste Finsternis ihren Schrecken verliert, wenn Leichtigkeit dich über Gräben trägt und Hindernisse dich anspornen, wenn dein Lächeln ansteckend für andere ist und du jede Elegie hinwegfegst wie Staub, dann trafst du sie, die eine, und bist ins Mark getroffen; aber es ist noch nicht die Liebe, die dich fügt, nur Narretei. Liebe wird dich erst erfüllen, empfangend und gebend, wenn du willens, bereit und in der Lage bist, ein Fundament zu bauen.
42
Über die Psychologie findet man für jedes humanoide Verhalten eine Erklärung; wozu aber soll das gut sein, wenn Alles, von Anbeginn der Zeit bis hin zu tiefster Ewigkeit, geschrieben steht, ein Zufall ist, oder, das schlimmste Szenario, als egal dahinwabert?
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Kennst du das Gefühl, das dich ereilt, wenn es unverhofft an die Tür klopft, recht herrisch, während die Leichen in deinem Keller tonlos anklagend mit Blicken aus toten Augen die Wände durchdringen? Um dich zu finden? Weißt du also um diesen Alb?
Verneinst du, kennst du die Menschen nicht. Und es wird dir schwerfallen, dahinter zu sehen. Bejahst du hingegen, ist deine Zeit geborgt, denn der Zahltag wird kommen. Hat’s nicht grad geklopft an deiner Tür?
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Sicher hast du schon viele Sonnenaufgänge erlebt? Vermutlich mehr Unter- als Aufgänge, aber doch bestimmt eben auch diese besondere Stunde, wenn sich im Osten Licht Bann bricht? Beides ist wunderschön, wer würde das bestreiten können? Eine satte, glutrote Kugel geht auf oder versinkt am Firmament. Da ist Gott vielleicht nicht weit. Aber das Licht der Morgenstunde ist unerreicht. Bei klarem Himmel, am Meer, wirkt es bewusstseinserweiternd. Es transferiert sich eine fesselnde, auch tiefe Symbolik in die Betrachter. Der Kreislauf des Lebens. Geburt. Übergang. Tod.
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Während ungetane Taten verblassen können durch andere getane, vermeintlich gleichwertige, oder schlichte Akzeptanz, verspricht die Neugier über ungestellte Fragen ein ganzes Leben zu halten; die Bruchstelle wird tuckern, wenn ein Sturm aufzieht, selbst noch auf dem Sterbebett.
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Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt; es ist der Wille.
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“Leben ist Leiden, sagte wohl Budda; dem ist ohne Relativierung zu widersprechen. Aber Leben (ganz) ohne Leiden ist unmöglich; es ist erstrebenswert, ja, sogar Idealform des Seins, Leiden als dosiertes Gewürz des Lebens zu begreifen und anzunehmen, denn nur dann wird Glück erschöpfend als solches empfunden werden (können).”
Abschluss
„auf erden ich wandle,
kenn‘ das halbe rund‘,
ich nehm‘ was mir gefällt,
verschling, was sich nicht halten kann,
fern von meinem schlund,
und meinen augen,
medusas schrecken sanfter glauben;
nur eine berührung,
erhoff‘ ich mir,
wie durst’ge erd‘ den regen,
sehne mich nach ihr,
als nähme sie hinfort,
den bittersüßen druck,
und jenen pflock,
der mir durchs herz getrieben,
vom denken an vernunft,
da ich deiner bar sein muss,
da du fehlst wie wasser an heißen tagen, den rosen deren blütenblätter welk verzagen.“