MOMENTE

In der Tiefe des Moments, die Zeit sich absondert. Von dem, was wir Menschen mitunter „Großes Ganzes“ nennen. So entschält sich das entelechische aller Dinge, aller Gegebenheiten.

„Jestem Hybridowy“ steht auf einem an der Hala Koszyki, Hotspot der Warschauer Gastronomie, nahezu majestätisch vorbeischnurrenden Autobus.

Ein gigantisches, über eine ganze Häuserflanke reichendes Werbeplakat sticht ins Auge; die aufkommende Abenddämmerung fügt dem dominierenden Blau des abgebildeten Filmhelden Thor eine Farbdimension hinzu, die nur im Einklang mit der gegebenen Zeit magisch in Bann zu ziehen vermag.

Im raschen Schritt einer damenhaften Passantin deutet sich ihre Welt an. Wo will sie hin, was treibt sie an, wird sie von jemandem erwartet? Ist Pflichtbewusstsein ihrer Eile Grund? Oder Vorfreude? Vertäuen sich ihre Gedanken mit dem was geschehen ist oder kommen mag?

Der vier Freunde kollektiver Spirit an jenem mit Wein, Wasser und lukullischen Köstlichkeiten beladenen Tisch im Restaurant Port Royal scheint wie eine essentielle Zutat einer die Urmenschlichkeit spiegelnden Szenerie; miteinander verwoben und sich bedingend bilden der Männer Bewegungen, Blicke, Stimmen, Worte und Gelächter ein Orchester der freundschaftlichen Geselligkeit, fern jeder Zwietracht.

Kulturpflanzliche Sträucher wiegen sich im lauen Sommerabendwind, die Tür zur Hala Koszyki öffnet sich und fällt ins Schloss, öffnet sich wieder und fällt erneut …

Ein Glas fällt klirrend zu Boden; jemand zischt unflätig.

Augen suchen einander.

Frauenhaare werden von ihren Trägerinnen verführerisch anmutend umspielt.

Besteck klimpert auf Porzellan.

Körper wiegen sich im Raum, der sie umgibt.

Drinks fließen Kehlen hinunter.

Lippen bewegen sich, Worte werden gesprochen.

Alles scheint eins. Und doch Teil des Großen Ganzen; und nur die Zeit, nur, ist dessen Bindungselixier und gebiert jenen Wert der Erinnerungsgabe verleiht.

Cri déchaîné

Jener Schrei, der ungeschrien in mir lastete, wütete, flutete, meinen Herzschlag lähmte, und ja, meine Träume zersetzte, ward entfesselt.

WEIL DU BIST.

Tonlos wird sie sein, die Welt, wenn du dereinst gegangen … versteinert, entfärbt, agonisch. Denn dein Licht speist Milliarden Prismen, nuanciert alle Farben, alle, und bewegt, was sonst in Stille harrt.

ZYKLISCH-PATHOLOGISCH

Russland, Kursk, a.D. 1943, Sommeroffensive der Deutschen Wehrmacht

Hans, ein eherner Niederschlesier, drahtig gebaut, robust, grauäugig und wettergegerbten Gesichtes, hüllt sich in Schweigen, fokussiert das leicht hügelige Gelände beobachtend. Vor ihm: Feindesland. Der Russe drückt. Es ist dessen Land, das das Blut von Millionen trinkt und auch die staubigste Steppe schier flutet.

Im Sinnen begriffen, findet sich Hans in der gestrigen Schlacht wieder. „Auf den Feind!“ hieß es, und Hans‘ Kompanie – mit ihm an der Spitze – strömte aus, um die von den eigenen Panzern und Stukas verschont gebliebenen Reste der sowjetischen Panzerabwehr dieses Kampfabschnitts auszuschalten.

Feindberührung. Nahkampf. Bajonette aufgepflanzt. Zäh ist er, der Russe. Und nicht mutlos. Jedenfalls das Gegenteil von dem, was die NS-Polit-Offiziere in der Wehrmacht seit nunmehr zwei Jahren herauf- und herunterbeteten: Untermenschen bar jeder Kampfkraft. Offenkundiger konnte eine Lüge nicht sein, wusste Hans; nur das Warum erschloss sich ihm nicht. Warum log die Führung, wo doch jeder sehen konnte, dass die Sowjetarmee die deutschen Bataillone fraß, wenn auch mit allerhöchstem Blutzoll?

Wie schrieb der Generalstabschef der 4. Panzerarmee? „Der feindliche Infanterist kämpft gut, entgegen der bisherigen Annahme, dass es sich beim Gegner um schlechte Stellungsdivisionen handelt, muss festgestellt werden, dass auch dieser Feind zu fechten und zu sterben versteht“; (Quelle: Roman Töppel, Kursk 1943. Die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs).

MP-Feuer, Handgranaten detonieren, der tiefe Boden giert nach deutschen Stiefeln, und jenen, die sich darin nicht halten können, entfernt aus dieser Welt.

Hans blickt nach rechts. Die Flanke stürmt. Doch Fritz Kempers Kopf zerplatzt in diesem Moment wie eine überreife, sonnenpenetrierte Melone. Plockphf! Und auch Herrmann, ein ernster Mensch aus Pommern, fällt, in verbissener Schicksalsdemut, direkt hinter Fritz, stumm und plötzlich. Hatte er nicht eine vierjährige Tochter?

Hans prescht ostwärts. MG-Nest. Drei Russen vor ihm. Blaue Augen. Keine Angst in ihnen. Vielleicht Verblüffung. Die Rotarmisten schießen, verfehlen Hans um Haaresbreite, ein Projektil prallt vom Stahlhelm ab.

Hans wirft sich – todesverachtend – in die Feindesgruppe. Sein Bajonett fällt den ersten, einen blutjungen Kerl, dessen Kehle – zerfetzt von teutonischem Eisen – heftig pulsiert. Der Niederschlesier rammt den zweiten Russen nieder, der ächzt, den Kampfspaten gegen Hans führend. Doch auch dieser Stoß geht knapp vorbei und der Deutsche sticht mit Präzision und wuchtig geführt dem Gegner ins Herz. Hat er als deutscher Soldat nicht gelernt, rasch und schmerzlos zu eliminieren? Nun der dritte Russe. Blitzschnell die Mauser gezückt. Kopfschuss. Hans schnauft durch. Für Sekunden. Um ihn herum wird erbarmungslos gekämpft. Schreie. Handgemenge. Gutturales Brüllen, tierisch, entartet, und dabei doch menschlich; so ist der Krieg.

Hans kämpfte am Kursker Bogen, später in der Normandie, zuletzt im Berliner Häuserkampf. Er blutete. Für seine Kameraden, seine Truppe, seine Ideale, und, wie er annahm, für sein Land. Klaglos. Stoisch. Typisch.

Hans gibt es nicht mehr. Und die, die waren wie er, hat die Geschichte ebenfalls verschluckt.

Beinahe scheint es, dass der Zyklus des Vergessens 79 Jahre misst. Denn wieder treffen Panzer aufeinander, nicht weit von Kursk entfernt.“

BLÜTENSTIEG

in harz und schiefer

auf immer eingebrannt

und nur die wasser

fluten aus der herzen mitte

waschen deine sehnsucht rein

so die monde läutern dich

in der nächte glut

bar der vernunft

denn keine reise ohne mut;

im fallen erst, bodenlos

fährst du hinauf

wo blicke nicht lakaien sind

dafür der götter schwerter

der erfüllung kind

hinauf in den olymp.

PLATONISCHE BANDE

Greifen möchte ich sie, die Zeit. Wie einen Schlüssel zu einer Tür. Wie einen Lichtschalter im Dunkeln. Wie die Wolke, die meinen schönsten Platz auf Erden – ein Gipfel freilich – umhüllt. Wo bist du, mein Freund? Wo ist dein Lächeln? Deine Hilflosigkeit angesichts getaner Taten? Wo ist dein Schalk? Deine Kraft, balkanischen Ursprungs?

Mit dir im Licht zu stehen, war wie Licht sein. Jede Sekunde mit dir, ein Schatz für meine Erinnerungen. Ohne dich zu sein, ist die Prüfung schlechthin. Bin ich Mensch? Ohne dich? Meine Brust, ach … wie fliegt sie auf den Träumen, die uns verbanden. Svetlin Peev, dein Leben dauert fort, solange die Wellen unserer Herzensbande treiben … mindestens mein Leben lang.

EPOCHENBRUCH

Im Glück es wohlig ist. Sterne sind keine Freunde. Satt zu sein, tut gut – und tötet manchmal.

Der stete Drang des Menschen, erneuern zu wollen, ja, zu müssen, hebt empor, was sich als Groteske ohnehin der prädikativen Masse entzieht. Erneuern, um zu verbessern, um weiterzuentwickeln … So lügt sich der Mensch in den Tag, denn was besser sein soll, oder weiter entwickelter, ist nur eine generative Subjektivität. Denn: Sind die Eliten keine mehr, herrscht das Gewöhnliche; die Zeitenwende naht. Untergeht, was untergehen muss.

All das, was der Mensch tut, ist menschlich, auch in seiner schockierendsten Form, auch in seiner Agonie, auch in seiner moralischen Überheblichkeit, seinem Hang zur Selbstzerstörung. Und erst recht in seiner Dummheit. Ganz gleich, wo er herkommt, was er hat oder ist, Russe etwa, Pfarrer, Massenmörder oder Kongolese, Ukrainer oder Politiker der Grünen.


Der Amerikaner in der weißrussischen Bar in Warschaus Ulica Lwowska gab vor, Geschäftsmann zu sein, Logistik-Branche. Dass er log, drängte sich dem Betrachter auf, wie ein Versicherungsvertreter seinem Kunden-Opfer. Militärisch kurz geschorenes Haar, seduktive Attitüde, partiell gute Bildung, trotz seines mittleren Alters ein durchtrainierter Körper … und die Fähigkeit zu fragen, ohne überneugierig zu wirken. War es ein Zufall, dass die US-amerikanische Botschaft keine sechshundert Meter entfernt war?

Er trank Jameson on the Rox. Seine Welt drang ihm aus jeder Pore. Und der unübersehbare Anspruch, den Rest ebenfalls zu seiner zu machen.

Morgen wird der Sturm nachlassen, des Winters letztes Aufgebot, so bissig-zäh es auch den Frühling bekämpft, weicht.


Die Magnolien blühen, die Systeme wanken.


Alles wird anders, alles.

La mélodie de Charon

Wenn du stirbst dereinst, süß in die allerletzte Sekunde gebettet, bedeckt der Reminiszenzen erlebter Epochen, Jahre, zeitloser Zeiten … und ohne Alb getaner Taten, schwingt in dir der finale Moment, nicht guillotinesque, dafür prolongierend, vom Bisherigen zum Zukünftigen … Und Charons Rhythmus intoniert.

DUBLIN EFFEKT

„Ich wurde ein paar Leuten vorgestellt, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Junge Menschen, viel jünger als ich; sie wirkten leicht, superschlank, hatten schräge Frisuren, bei denen die Haare ins Gesicht fielen, nicht wirklich ernst zu nehmen in meinen Augen. Spiegelbild einer koks- und nikotinmeidenden Generation, mit der ich, der schon alles sah im Leben, aber doch irgendwie authentischer Kerl, kaum etwas anzufangen wusste. Angeblich irgendwelche Künstler …

Während ich ihre Hirnvolumina abschätzte, fragen Sie mich nicht, warum, ihre Knochenstärke bestimmte, ja, auch die, ihr exaktes Alter, hatte ich die Namen bereits wieder vergessen.

Dann geschah es, ein Blitz fuhr mir ins Gedächtnis, grillte es heißkalten Schwertes, drang hinunter bis zum Herzen, lähmte es schier. Die sprichwörtliche „Bleierne Schwere“ befiel mich, wie ein drückender Alb, getragen auf einer Glückswoge, und in absoluter Reinheit.

Einst träumte ich von Schönheit, von – eben reinen – Formen, toten und lebendigen, von harmonischen Bildern, ineinander greifenden Motiven, wie dem plätschernden, klaren Bergfluss, der eine saftige Wiese speist, auf der dann Rinder grasen, die frische Milch liefern, oder saftiges Fleisch, das dann auf der Menschen Teller landet, gekocht, gebraten, gegrillt, und Stärke spendet, auf dass Tagwerk verrichtet werden kann, woraus Dinge entstehen …; oder ich träumte von Frauen, auch der Frauen Brüste, wohlgeformt, und verlockend, weil in Deutschland, wo ich den Großteil meines Lebens verbracht hatte, die Weiblichkeit an sich aus tausenderlei Gründen, die hier nicht Thema sein sollen, zumeist nur noch ein Attribut der Vergangenheit war. Meine maskuline Natur, nicht selten getrieben einer Sehnsucht, die ich lange als wenig zivilisatorisch oder gar als unmodern schalt, hielt in mir die Erinnerung an Stevensons Dr. Jekyll and Mr. Hyde wach. Mich durchkämpften zwei Naturen, so dass schließlich anstelle meines Jagdinstinktes Scham mich erfasste. Die ich mitunter überwand, um reine Schönheit zu erfahren, animalische Gerüche aufzusaugen, weiblich-weiches Fleisch zu greifen, zu kneten, und zu liebkosen und zu schmecken im Banne göttlichen Willens. Wie hypokritisch kamen mir die mahnenden, ja, abstoßenden Stimmen vor, die mich zu disziplinieren suchten. Ich aber wusste genau, wenn ich Mensch bin, und in mir die Naturen toben, sollte ich ihnen freien Lauf lassen, denn eben dies würde lösen, was von höherer Kraft beansprucht wird. Und was entspräche dem Sinn des Lebens mehr, als selbiges zu erfüllen? Jeder auf seine Weise?

Der Blick aus ihren Augen traf mich unvorbereitet, ich verlor die Fassung, mir wurde für Momente schwindlig. Fahrig, schwach, setzte ich mein Glas ab, zerbrach es am Stiel, zog irritierte Gesten auf mich. Meine Seele öffnete sich, ich war verwundbar.

Als hätte sie eben dies geahnt, stieß sie zu, ohne zu zaudern, gestärkt ob der tausende Jahre Unterdrückung der Frau durch den Mann. So musste sich Siegfried, der deutscheste aller deutschen Sagenhelden, gefühlt haben im Moment des Todes. Keine Ahnung, weshalb ich ausgerechnet an Jung-Siegfried dachte in dieser Situation der vermeintlichen Schwäche, aber ich sah ihn – jung, blond, schön, germanisch – niedersinken, getroffen von einem Speer, von hinten unter die Schulter, da, wo ihn das Lindenblatt des Zauberschutzes beraubte. Und ich konnte seinen Schmerz spüren, seine plötzliche Qual, seine Atemnot. Wie er sich wand und krümmte, wie er versuchte, das Ufer zu erreichen, denn der Speer traf ihn beim Baden in einer Quelle. Statt Labsal zu bereiten, lauerte in ihr der Tod.

Sie roch betörend. Es mag an ihrem Parfüm gelegen haben, vielleicht an dem ihr eigenen Körperduft, wahrscheinlich an dem Potpourri aus Beidem, in jedem Falle zögerte ihr Duft meine Lähmung für weitere Sekunden hinaus. Klare Gedanken zu fassen, schien mir unmöglich; selbst die innere Frage nach dem Gewicht ihrer Brust verflüchtigte sich ins Nichts und kehrte nie wieder zurück.

Schwarz wie erkaltete Lava, ihr Haar, mit einem Hauch mahagonischer Glut. Engelsgleich, ihr Gesicht. Ein Mund, der alles Bedeutsame was existiert unbedeutend erscheinen ließ, für mich, und da wo wir Lebenden das Universum verorten.

„Kennen wir uns?“, brachte ich schließlich mühsam hervor, erpicht eine lässige Haltung einzunehmen (was mir für gewöhnlich nicht schwer fiel, aber in diesem Augenblick eine echte Herausforderung darstellte).

„Nein“, antwortete sie beinahe schnippisch mit einer Stimme der Eva’schen Botenstoffe durchsetzt, und derart lächelnd, als bekannte sie sich einer Lüge.

„Ich dachte, ich hätte sie irgendwo schon mal gesehen“, fuhr ich fort. „ … ihr Blick … ich hätte schwören können … “

„Nein, ich kenne sie nicht, habe sie noch nie zuvor gesehen. Aber ich …“

Nun lag es an ihr, zu zögern. Sie kniff die lagunenfarbigen Augen zusammen, errötete um Nuancen, kaum merklich.

„Aber ich weiß, dass ihre Frage keine profane Anmache war.“

Ihr Augenaufschlag, voller Weiblichkeit und nah an meiner Seele, schuf in diesem Moment einen neuen Menschen, einen anderen, verzauberten.“

La vérité du dimanche

Sonnenlicht und Prismen

und was an Träumen in dir kreist


dein Leib so geöffnet

bis zum Herzen und deinem Bauch;

mauerlos dein Fleisch

umgeben

von ihrer weiblich’ Wucht

und dem schwebend‘ Schwerte

das dich vermag zu schlagen

zu der Liebe Ritter

oder in die Dunkelheit.

WEIHNACHTSTRAUM

„Hörst du den Schnee fallen, Liebste? Kein Wind, der ihn die Richtung ändern ließe, keine Bö, die ihn verwirbelt, keine Sonne, die ihn schmilzt; lotrecht deckt er zu, was sich bis eben noch millionenfach in Eigenschaften gleichsam exaltierte. Einfach alles was zu sehen ist, und so manches, was nicht zu sehen ist. Weiss gewandet scheint alles fusioniert.

Unzählige Flocken entfalten so ihren Zauber, doch jene mir nah fallende fesseln meine Blicke, denn sie tragen dein Gesicht. In kristalliner Schönheit bist du überall, bedeckst mein Haupt, benetzt mir die Lippen, zeichnest mir die Epauletten und entfachst meine Träume wider die Zeit ohne dich.“