so tief dein blick
der liebe quell
betäubte sinne mich befreien;
auf diese weise losgeschlagen
feuer mich erhellen
und süße tränen geschwängert sind von deinem bild.
und flammen sodann
höher denn der menschen träume und daraufhin: atmen …
voll der sehnsucht
die in mir kroch, wütete, zerbarst …
stürmt in mir den sturm der liebe
auf das er nie vergehen möge denn in ihm sind wir zuhaus.
EINE STUNDE Alles
Existiert nicht jene Stunde, in der die Zeit als belanglos dahin treibt? Fast so, als verginge sie erst gar nicht? So, als bildete sie eine Blase in der man sich wiederfinden kann und die im Nirgendwo schwebt? Oder schwelt, als wäre sie gleichsam die Glutasche alles Gewesenen? Ja. Es gibt sie, diese Art Stunde. Jetzt ist so eine. Wie Treibgut in sie hineingeraten, gespült des – ach, so seltenen – Müßiggangs wogend Kraft, bin ich in ihr, bin ihrer Teil, und betrachte alles um mich herum in beinahe unverschämter Gelassenheit. Beinahe … Und so erfüllend, glückselig, fordernd, wunderschön, traurig oder schreckensecht der Rest als Leben auf sich in seiner Daseinsform pocht, dramatisch oder nicht, so ist es vielleicht sie, diese rare Stunde, die – gleich nach dem Wissen, geliebt zu werden – am wertvollsten dünkt.
Was für eine Stunde.
Was für eine Gunst.
Was für ein Licht. Bitte, Stunde, vergehe nicht …
HERBSTBRECHER
„sieh dich um,
die tage kürzer,
falbengelben blattes so das jahr sich neigt;
wie die jugend einst vergangen,
in rauschenrasendfreiem fall,
in phönix‘ silbern aschestieg,
der leben zeiten stets vergangen,
als auf und ab,
in geschaff’nen rhythmen,
und manchmal raserei,
auch honigsüßen liebeszeiten
oder mürbend‘ krieg;
an deine pforte es dann klopft,
bar der takte, ohne ton,
doch lauter als der götterkinder tränensturm, der sirenen jammernd‘ zorn;
in der furcht vor dem dahinter,
verbirgst du dein gesicht,
verbannst der augen wahrheit,
siehst die flügel nicht,
die die hoffnung dir verleiht;
ist der letzte weg gestürzt,
bleibt der wehmut leiser schatten,
kein zurück,
kein irgendwo,
bist dann nur gefangen,
im warten,
auf den allerletzten atemzug;
dieser, eine gabe,
wenn die hoffnung fliegen kann,
drum sturm dich frei,
leg‘ hernieder der waage lasten,
streif ab die narretei,
bevor die pforte dich erinnert,
wann der weg zu ende ist.“
Cercle de sang
er, ein könig, voll der sanftmut und fantasie; selbst sein zorn gebiert lächeln in jenen, die ihn entfachen. böses auf der welt gibt es nicht. und auch die toten erheben sich wieder, unter ihm. alles wird gut, und seine reise währt ewiglich …
nordischer statur, südblauen auges, durchblickt jener das leben, lässt es erstarren, gefrieren, zersplittern, in wasser wandeln, treibt es durch berge, kaltes gestein, durch heißes, löscht alle vulkane, und schafft die welt neu, titanengleich.
der heilige stephan spricht aus dir, in güte und irritiert, denn bist du der schönheit wohl gewogen, mit augen wie seen aus türkisem fließ. deine suche währt schon lange, und dauert fort; folge den horizonten, besteige die berge, die auch ich erklomm, und neue dazu …
der blick vom olymp, aphrodites’, zeus’, ein platz am tisch der götter.
JEST UN AUTRE; MERCI ARTHUR …
Erwacht,
in dunkler Stunde Regen fällt,
entgrenze ich dahin;
zu greifen jenen Traum,
der mich dem Schlaf entriss,
ahnend um den tiefen, tiefen Sinn.
Was alle suchen, fand ich wohl,
schuldlos fliegend,
und vor dem ersten Hahnenschrei.
Was keiner findet, bot sich mir,
indes,
zu greifen es, vermocht‘ ich nicht,
weil ich – so flüsterten’s die Wolken mir – derweil ein andrer sei.“
TROMPETTE DES ANGES
„Wird der Abend zur Nacht, gebiert mitunter eine surreale Stunde. Die Stadt dimmt ihre Geräusche. Ein nächtliches Zelt breitet sich aus, sodass sich manche der Bauten Lichter in ihrer Strahlkraft ersteigen. Das Gelächter Einzelner dringt in den Himmel, wie Messerschnitte in Gallert. Blau wird zu Blauschwarz.
Tief atmet er den Duft der Stadt ein. Seine Lungen vibrieren. Er giert schon nach dem nächsten Atemzug … der so viele Gerüche verspricht. Denn ganz eigen riecht und schmeckt die beginnende Nacht. Anders als der Abend. Oder der Morgen. Teer, Benzin und der Menschen Geschäftigkeit, treten zurück; so schmeckt diese dunkelblaue Zeit nach sich abkühlenden Mauern, nach erkaltendem Glas, brisenhafter Frische, schrumpfendem Metall, nach Aftershaves und Rasierschaum junger Galane, nach Haaröl und Gel, nach geputztem Schuhwerk und duftenden Beinen kurzberockter Frauen, die – scheinbar über den Dingen schwebend – stoisch-stumm den Boulevard betreten. Mitunter schnattern sie auch, bewegt von Welten, die Männer nicht verstehen.
Und Klarheit erschmeckt er, wenn auch noch keine unverfälschte. Denn dies ist der morgendlichen Dämmerung vorbehalten.
In der beginnenden Nacht erkennt er mit ihr eine Komponente, die ihm als göttliches Intermezzo erscheinen mag: Entschleunigung.
Worüber nachzudenken sich lohnt, erfährt in der nächtlichen Wandelstunde Bedeutung, vermag zu bewirken.“
ABSINTH (2011, a.D.)
„dieses blau, dieses blau,
es fließt in meinen kopf,
ergießt sich, in alle winkel;
und so viele blicke, in mein herz,
wie schwerter kalter morgenluft,
stummen sie ihr lied;
der wölfe sangesklang,
fügt es orchestral,
im fieber ich geboren ward‘, mein lebensritt ein strahl.“
LIEBESLIED
„Wie Feuer den Sauerstoff …
brauche ich dich;
wenn du sprichst,
fließt gleichsam süßes Harz
auf des Baumes Rinde
sodass ein sanftes Vibrieren seine Wipfel erfasst.
Deine Töne sind willkommene Boten
und sie sind wie Schmelz auf des Liebenden Herzen;
blickst du, irgendwohin,
bahnt sich pure Weiblichkeit, getragen auf der Augen Strahlen, ihren Weg …
so denn Steine erweichen;
blickst du in den hinein, der dich liebt,
nährt sich unermesslich Feuer,
im transzendentalen Austausch,
und lodert hoch bis zum Olymp;
Zeus selbst, der Welten Lenker,
aufhorchend ob schier göttlicher Flammen,
steigt herab,
und deiner angesichtig,
füllt sein Bauch sich mit Neid,
denn er weiß, dein Herz ist mein.“
Apollons Tod
„da,
dein lieblich‘ fleisch, elfengrazienreizendschön, ganz nah des lockend‘ haaresrains,
geformt vollkomm’ner anmut,
erhoben epaulett’ger säulen,
gesalbt des körpers schmelz,
entspringt dein zauberquell,
ist zuhaus‘ die mich betörend‘ macht,
wo quellt dein duft in meinem code;
apollon selbst dich wohl gemacht,
mit göttlich‘ händen,
im banne seiner ganzen kunst,
auch kraft;
und als du so geschaffen wardst,
der sonnenherr erstarb sogleich,
denn was er sah,
erwies sich als der schönheit ideal;
wofür noch hätt‘ er leben sollen,
blieb mit dir der gipfel seiner kunst erstiegen?“
TITAN
PROSAISCHE LYRIK
„Die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines Titanen …“
Lange, lange, nach den Titanen der ersten Generation, die von Gaia und Uranus geboren worden waren; lange, lange nach dem Goldenen Zeitalter, in dem es weder Tod noch Übel gab und das noch vor Zeus‘ Geburt datiert; lange, lange nachdem Zeus’ Vater, der Titan Cronos, seine Kinder fraß um nicht seiner Macht verlustig zu werden; lange, lange nach der Titanomachie – dem Kampf der Götter gegen die Titanen, in dem die Götter obsiegten -; und mitten drin, im Zeitalter der Moderne, der Flugzeuge und Elektroautos, der Windräder und des Internet, mitten im Heute also … erschien plötzlich ein humanoider Titan, so unbekannt wie das 6. Element. Er selbst wusste Ewigkeiten nicht, dass er ein Titan war – oder wer ihn gezeugt hatte. Aber eines Tages erwachte er, weil die Pole an Eis verloren, und er so freigelegt wurde, beschienen von der Sonne, belebt vom Licht … Beschenkt titanischer Kraft, göttlich beschieden eines menschlichen Antlitzes, das eines Mannes … existierte er. Und so lebte er das Leben eines Menschen. In dem sich zutrug, was die Summe allen Seins ausmachen mochte …
KOKON
erwacht‘ im schnee,
im tauwasser der erinnerungen,
mein kleid zerfällt,
es ward ein kokon,
hinfort gespült der letzte wille,
biegsam meine glieder tasten, ertasten,
fremde erd‘ und neuer duft,
kalte steine weisen mich,
und spitz in meine sohlen brennen, so steh‘ ich auf, erhebe mich,
über die wasser,
fliege ich dahin,
mit winden im gesicht,
und kräften in den flügeln,
neuen horizonten folgend,
es wird wärmer,
ich träume nicht mehr …
KREIS DES TITANEN
Erleichtert spürte ich, das Schloss ließ sich öffnen. Klack. Nun die Klinke heruntergedrückt. Ein sanfter Stoß … Scharniere knarrten, die Tür beschrieb einen Halbkreis, befreiende Frischluft strömte in meine Lungen. Die nächsten Schritte tat ich weit, federnd, rasch und kraftvoll. So entkam ich dem Labyrinth. Dem Stolpern. Der Enge. Und jener Verzweiflung, die mich heimgesucht hatte wie diese eine Träne, die stets unterm Auge über dem Herzen wie verharzt schien und matt schimmerte.
Nun war sie fort. Als wäre sie nie da gewesen. Und schon, kaum, dass ich ein Dutzend Schritte gegangen … verblasste die Erinnerung an sie und es begannen Zweifel sich zu mehren ob sie je existiert hatte … Wider besseres Wissens verleugnete ich diese Träne, angesichts der Energie die mir entgegenschlug, die mich wie ein Flugzeug thermisch emporhob, mich trug; die Träne war also verschwunden. Und mit ihr die permanente Erinnerung über die Geschichten des Lebens, die sie gemacht hatten, die sich in ihr spiegelten, schaute man in sie hinein.
So flog ich nun, lastenfrei, unter mir die Welt. Lärm, Blicke zu Tausenden, und doppelt so viele greifende Hände mir entgegengestreckt, entschwanden wie Schall. Denn immer weiter flog ich, und flog und flog …
Irgendwann hatte ich vergessen, dass ein Labyrinth mich gefangen gehalten hatte, dass die Geschichten meines Lebens sich als verharzte Träne an meinem Auge, jenes überm Herzen, gleichsam abszessiert hatten, dass meine Schritte immer kraftloser, tauber, gar taumelnd geworden waren.
Ich flog. Titanengleich. Ozeane unter mir. Gischt, salzgeschwängert, würzte mir die Lippen. Und ich flog. Immer weiter. Während ich spürte, wie mir die Kräfte wuchsen.
DRYLAND
die fels‘gen schatten, die ich lud, lähmen nicht,
sie erheben,
und lassen schweben mich,
im eifer zeitentsagter tage,
durch der membrane trägheit,
in immer neue wogen,
aus der forderungen wucht,
die das leben schiebt;
so gleite ich dahin,
grenzenfrei,
mein obdach gefügt der reise lust,
der zwänge aberwitz,
die sie fraglos sind,
denn der werte zauber,
trägt keine zahlen,
nur rauschen in der sinne macht,
und die schönheit jeden tag‘s als formel;
küss‘ ich deine haut,
schmecke ich die meere,
und jeden wellenschlag, alle sonnenkraft; fenster öffnen sich,
mein denken dann im freien fall,
wie schön das ist,
wie frei ich bin,
und geborgen,
sehe schwarz als weiß,
wasser beschwingt mehr denn wein,
nur mit deiner liebe kann ich sein,
nur mit dir, bin ich …,
bin ich nicht allein.
IM KREIS ZURÜCK
… zeitlos flog ich also …
Plötzlich sah ich Land. Als schmalen Streifen am Firmament. Er bildete eine Melange, symbiotisch, ohne Frage, denn Farbenspiel und wie von Gotteshand gezeichnete, mäandernde Formen sprachen eben dafür, und zog mich magisch an. Wurde größer, explodierte schier in Farben, lud mich ein. Sanft landete ich also, ich, der Titan. Durchschritt eine Wiese, deren Grün mich jede Kapillare spüren ließ, deren Duft mir Lebenszeit gutschrieb. War ich im Elysium angekommen? Ich kniff mir ins Fleisch. Schmerzhaft. Nein, kein Elysium. Einfach eine Wiese, und auf ihr Getier, Bienen, Käfer, Hummeln, tanzende Pollen und Samen von Pusteblumen. Denen ich folgte. Als wiesen sie mir einen Weg. Jedenfalls eine Richtung. Wie lange ich so den Blumensamen folgte, erfasste ich nicht, denn Zeit hatte für mich ihre Bedeutung verloren; mich deuchte, sie verging nicht. Ebenfalls nicht vergangen war mein Hunger, nach Allem. Vor allem etwas Eßbaren. Etwas zu Greifenden, zu Umarmenden, zu Küssenden.
„Was willst du?“, fragte unvermittelt eine Stimme in meinem Kopf.
„Mehr“, antwortete ich laut, das Vokal in die Länge ziehend. „Meeeeeehr …“
So durchschritt ich Wiesen, Wälder, erklomm Berge, erreichte Straßen, überquerte Brücken und langte schließlich an einer riesigen Stadt an, die sich bereits vorher durch eine strahlende Glocke am Himmel bemerkbar gemacht hatte. Hier mussten Millionen Menschen leben. Sicher gab es hier auch etwas zu essen, zu greifen, zu umarmen, zu küssen. Als ich alles fand, aß ich, ergriff ich, umarmte, küsste ich. Jeden Tag, jede Stunde und spürte auch die Zeit wieder. Sie brannte sich gleichsam in mein Gesicht; jede Falte ein Erlebnis, jeder Blick durchsetzt des Wissens um das Vergangene.
Irgendwann wurden mir die Arme schlapp, der Bauch dicker, die Schritte tauber, taumelnder, und ich suchte diesem … diesem Ort, jenem Labyrinth zu entkommen. Also durchstreifte ich Straße um Straße, Haus um Haus, öffnete jedes einzelne Zimmer, jedes, sprang von Dach zu Dach, durchforstete Keller, kam an Spiegeln vorbei, die mein Konterfei wiedergaben, und mit ihm eine Träne, die sich unterm Auge, jenes überm Herzen abszessiert hatte. Als ich kaum noch Atemluft in meine Lungen zu saugen vermochte, fand ich eine Tür seltsamster Anziehungskraft … deren Schloss sich öffnen ließ. Klack … knarrende Scharniere … die Tür beschrieb einen Halbkreis und befreiende Frischluft …
INTERMEZZO
wer sie nicht kennt
die lust am innehalten …
die, zu verlassen die täglich spur
die, der loipe – gefügt erwachsenen lebens – zu entfliehen …
weint niemals jene tränen
deren salz die wangen zieren
da sie nicht hinfortgewischt
sondern kristallin vom glücke künden;
ein sommerblumenmeer
im lavendelfeld
das meer zu nackten füßen
und der liebsten duft erschmeckend
ohnmächtig im banne ihrer hingabe
DER TITAN LERNT
Ich kam an eine weitere Tür, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog, denn neben ihrer außergewöhnlichen Farbe, die ich als Morgenröte bezeichnen würde, prangte ein anthropomorpher Pferdekopf aus Messing an ihr. Ich vergaß augenblicklich, was mich hierhergeführt hatte, alles Geschehene, sogar alle Träume, und einzig der Wunsch durch diese Tür hindurchzugehen, ergriff Besitz von mir. Ich, Fleisch gewordener Wunsch, trat an die Tür heran. Und musste irritiert feststellen, dass an ihr keine Klinke angebracht war, die man hätte herunterdrücken können. Stattdessen war da ein Loch. Im Maul des Pferdekopfes. Der mir plötzlich wie lebendig vorkam.
Im kurzen Zögern, meine Hand hineinzustecken, las ich wiedererkennend jene Angst heraus, die mich als Kind mitunter heimgesucht hatte, wenn ich allein im Dunkeln einen Berg hinabsteigen sollte, dessen Tal mir noch dunkler erschien. Dann dachte ich an den Teufel oder irgendein gefräßiges Monster, welches sich auf mich stürzen wollte. Mit dem Älterwerden verflog naturgemäß diese Angst, transferierte sich in Belustigung, aber nun, hier an dieser merkwürdigen Tür, flackerte sie wieder auf. Zu kurz, um sie greifen und bekämpfen zu können, zu lang, um sie als Täuschung wahrzunehmen.
Im Pferdemaul befand sich, was ich vermutet hatte, ein Riegel. Er ließ sich nach links schieben, guttuend leicht. Klack … und die Tür sprang auf. Sie beschrieb mich einladend einen Halbkreis, ich trat hindurch.
In den zwei, vielleicht drei darauffolgenden Momenten blendete ein Licht, grell empfunden wie pure, ungefilterte Sonne auf Schnee.
Kurz schmerzte es, ich fühlte meine Sehnerven, wo sie verankert sind, und hieß mich, standhaft zu sein.
Dann tauschte sich das Licht aus, wie von selbst. Es verwandelte sich. In Bläue. Transparente Bläue. Blau wie flaches Wasser am Meer, dessen Boden man noch sehen kann. In dieses Farbgemisch hinein begab ich mich also. Nicht kleinschrittig, sondern wie gehabt, kraftvoll, federnd, weit.
DA CAPO
auf einer wiese
da wars um mich geschehen
als barfuß ich die gräser spürte
der lindenbäume blätter sanftes wiegen
und die küsse der angebeteten
die schmeckten nach pfirsich
und jenen duft
den mir die lenden deuten
als gottes code
und xenons kunst mich erkor
zu strahlen als pures glück.
VOM TITAN IM MAI
Spürt er den Flügelschlag jener Taube, die soeben das nachbarliche Haus als Platz zum Verweilen erkor?
Im sonnengetränkten Grau des Daches nimmt das Geschöpf ein Bad, plustert sich auf, gibt sich einer Ruhe hin, die er ebenso empfinden mag. Aber nicht kann.
Mit dem Sturm im Herzen lernte er zu leben, mit Frieden in den Knochen nicht. Feuergenährt lodern seine Träume. Titanisch. In ihnen bersten Fugen, die die Welt verankerten. Doch nun treibt Zeus‘ Ball dahin, getreten des Titanen launisch‘ Willen. Vorbei an Mond und Sternen. Und vorbei am Olymp.
Galaxien? Nur Dunkelkammern, winzige Verschläge, Räume zwischen Türen, sich zu öffnen bereit. Ein Lidschlag, und der Traum bricht sich Bann. Vom Sog empfangen, stürzt sich der Titan in jene Dimension, Liebe genannt. Von Zeus wie Hades, von Bauern und Hopliten, und auch Kindern, die noch nicht wissen können, wo sie sind.
Endlich in der Unendlichkeit, ist er ganz Taube. Beschienen vom Licht.
Und sieht den kreisend‘ Habicht nicht.
TITANENTRAUM
Im Blick über die Dächer erkannte ich, was bevorstand. Was ich der Zeit würde beifügen können. Ja, ich würde wieder ein Titan sein. Und schier spielerisch von Dach zu Dach springen. Kaum, dass ich mit den Dächern in Berührung käme. Gleichsam schweben würde ich. Und kein Höhenunterschied wäre zu groß, kein Fall zu tief, keine Distanz unüberbrückbar. Immer weiter würde ich springen, fliegen, schweben, Horizonte im Visier …
So tanze ich zunächst auf den Dächern der Stadt einer blutroten Sonne entgegen. Bis zum letzten Dach. Und ein Ozean sich öffnet. Indem die Sonne untergeht, mit ihr das Licht.
Der Gedanke an dich, sehnsuchtsvoll, lässt mich innehalten.
Dich zu tragen, auf den Dächern der Welt, die Sonne im Gesicht, bis sie versinkt …
Atemlos bleibe ich zurück, Dunkelheit deckt mich bald darauf zu.
TITANISCHE UMARMUNG
Straßen verbinden. Wenigstens Abfahrt und Ankunft. Oder Orte auf dem Weg. Und manchmal spiegeln sie das Leben. Ja, Straßen, die das Leben zeigen. Straßen, die das Leben sind. Straßen die das Interesse des Titanen wecken, ist er doch erpicht, der Menschen Sein zu ergründen. Umso mehr, wenn der Weg das Ziel ist, die Reise an sich das Leben … Wessen sich die wenigsten Sterblichen bewusst sind.
Zeus‘ Würfel des Schicksals bestimmten nun, an diesem klarsichtigen Tage, sonnenverwöhnt, gereift eines längst vergangenen Morgens, die ostpommersche E 10 als Ort der Bestimmung. Die Straße verbindet die polnischen Städte Thorn (Torun) und Bromberg (Bydgoscz). Und der Titan begab sich auf den Weg, erkundete die Straße wie eine Katze ein neues Zuhause am ersten Tag. Zweispurig und stark befahren bot sie kaum gefahrlose Möglichkeiten des Überholens, was dem Titan ganz recht war.
Die Boliden jedenfalls fuhren gerade noch langsam genug aneinander vorbei, um gegenseitig die Gesichter der Fahrer detailliert zu erkennen. Soeben fuhr eine Frau vorüber, etwas Erheiterndes im Kopf, denn sie lächelte leise, zarte Vorfreude um die Augen. Oder nun der nächste Fahrer, ein Mann, dem Lebensabend zugeneigt; verkrampft hielt er das Lenkrad, als hielte er fest, was dennoch vergangen war wie das Stück Straße hinter ihm …
Des Titanen Blick glitt nun zu einer Frau am Straßenrand, noch hundert Schritt entfernt. Im Näherkommen erkannte er in ihr eine Straßenhure. Kitschig-billig bestrapst, zerschlissene High-Heels, knall-roter Lippenstift; die blond gefärbten Haare, die ein leidlich hübsches Gesicht umrahmten, erinnerten den Titan an eine Roma-Frau. Sie schien gut gelaunt, lächelte mit prachtvollem Gebiss, als der Titan nicht respektlos vorbeifuhr.
Und wieder ein Stück weiter saß da eine Greisin auf einem Campingklappstuhl, besah offenbar den Verkehr, der von Ost nach West und umgekehrt vorüberzog. Doch vor ihr hatte sie ein kleines Tischlein aufgebaut, und darauf einige Einweckgläser gestellt. Sie bot eingeweckte Früchte im Glas feil. Lächerlich billig, 5 Zloty das Stück; randvoll mit Kirschen befüllt. Dieses Bild sah er nun öfters, alte Frauen, die ihrer wohl kargen Rente etwas Geld hinzufügen wollten.
Harakirisch überholt, beschloss der Titan, einem Instinkt folgend, bei der nächsten Straßenverkäuferin Halt zu machen. Und so geschah es auch.
Sie mochte die Siebzig überschritten haben, war blauäugig, trug ein geblümtes Kopftuch und weite Kleider, wie man sie bei Bäuerinnen sieht. Ihr Blick verriet Neugier, ihr Lächeln öffnete … das eigene Herz … und das des Titanen. Selten hatte er in seinem Dasein ein solches Gefühl der Güte erlebt, die ihn nun, ausgehend von der Frau, durchströmte. Schlagartig wurde ihm klar, dass, wenn es das Böse gibt auf Erden, meist von Neid befeuert, Menschen wie diese Frau hier am Straßenrand zwischen Bromberg und Thorn den göttlichen Blick auf die Menschen zu korrigieren vermögen. Ohne etwas zu sagen, ergriff der Titan die Hand der erstaunten Frau, hieß sie sanft ziehend aufzustehen, und, als sie Folge leistend vor ihm stand, umarmte sie wie ein Vater seine Tochter.
ADAMUS
In jedem Tropfen Leben erschloss sich ihm Ewiges; der Titan wusste um die Vergänglichkeit aller Momente, allen Seins, aller Diamanten. Nein, das ist kein Widerspruch, war er sich sicher.
„Adamus, Adamus …“; flüsterte dies nicht eine weiche Frauenstimme in sein Ohr und lullte ihn so einst in den Schlaf? Adamus … „unbezwingbar“, wie sie am Hellespont sagen.
Und während die Jahrtausende an ihm vorüberzogen, und mit ihnen Tsunamis der Erinnerung, sein Herz umbrandend, rauschte des Titanen Blut wie eh und je altersverachtend in unsterblichen Adern.
All die Millionen Menschen, die er, der Titan, auf seinem Wege ins Irgendnirgendwoundüberallhin getroffen hatte, zufällig oder vorherbestimmt, hatten sich ihm eingebrannt, als gewesen, als vergangen. Ihre Gesichter, ach, so viele … ihre Augen, ach, geschlossen und nimmermehr geöffnet. Und ihre Stimmen stummten als tonloser Chor, oft klagend aus der Vergangenheit.
Indes, seltener als einmal in tausend Jahren, noch viel seltener vielleicht, protestierten sich dem Titan Seelen ins Bewusstsein, auf dass er sie nie vergessen möge. Denn sie spielten auf seiner inneren Klaviatur eine Melodie, die mit ihm durch die Zeiten zog. Vergessen? Unmöglich. Überhören? Undenkbar. Immer mal wieder stimmten sie auf, diese Pendants der Endlichkeit. Und wiesen ihm den Weg.
Ich höre dich, Frau. Und so trage ich dich über alle Grenzen, dorthin, wo ich mit dir sein möchte, wo eine Gänsefeder mir den Magen kitzelt, immerzu.
POESIE DES TITANEN
Lies mich, Frau. Jetzt. Noch vor dem Schlafengehen. Noch bevor der Mond dich in die Träume kitzelt. Oder die Melodie verstummt ist, die nur jene Tage hervorzubringen vermögen, in denen du daran erinnert wirst, Mensch zu sein, sterblich.
Draußen tobt der Kosmos. Eisig still. Feurig laut. Erbarmungslos die Zeit mit sich führend. Bis deine vorbei ist.
Du passiertest einen Rosenstrauch, heute, im Park. Erinnerst du dich? Eine der Dornen streifte deine Hand, während du, abgelenkt vom Geläut einer Kirche, den nahen Glockenturm mit den Augen suchtest. Weißt du noch, was du spürtest, als der Rose Stachel in dein Fleisch fuhr? War es nicht die Ambivalenz des Tages, der nun unwiederbringlich zu Ende geht? Verkörperte er nicht das Leben, und nun, da er sich neigt, den Tod? Ach, du Glückliche.
Denn ich lebe ewig.
In der dramatischen Harmonie eines rührenden Violinenstücks ist mitunter zu hören, was die Tage sagen wollen: nutzt uns, lebt uns aus, korrespondiert jeder Sekunde. Denn einmal geschehen, geschieht sie nie wieder.
Ist es nicht wie mit dem Augenblick? Einmal geschaut, ist er schon vorbei, auch, wenn wir dann verweilen; es gibt nur einmal einen ersten Eindruck.
Und so vergeht, was uns lieb ist, bestenfalls, oder, schlimmstenfalls, verbrennt als Routine unser Leben.
Mir gefiele es, dieses Feuer zu transferieren in das was bleibt bis in alle Ewigkeit: Liebe.
METAMORPHOSIS DES TITANEN
Nun, da die Jahre als vergangen des Titans Wissen bereicherten, fügte es sich fortan weniger lehrreich. Der Pforten Scharniere, an der Schwelle zur nächsten Welt, ächzten auch weiterhin, beschrieben beim Öffnen ihre typischen, ihm ach so vertrauten Halbkreise. Aber weder Wut oder Neugierde noch Befreiung – wenn auch immer noch vorhanden – erfüllten den Titan nunmehr überwiegend, dafür eine Kraft, derer er sich bisher nicht bewusst gewesen war. Diese Kraft ging einher mit Eigenschaften, die seine Schritte entschleunigten, seine Energie lenkten, sein Bewusstsein sensibilisierten. Eine Kraft also, die gleichsam erzeugte, als Schall. Und wenn dieser in Resonanz zu ihr zurück kehrte, echogleich, wuchs sie weiter. Der Titan selbst erspürte sie als bisher fehlendes Gewürz seines Lebens, als etwas, an das er bisher nicht einmal gedacht hatte, obwohl er ahnte, dass etwas Bedeutsames fehlte bisher: Würde. Und als hätte er sich bis dato – trotz unzähliger Erlebnisse, Erfahrungen, Abenteuer, Enttäuschungen, Freuden, Menetekel und Glückserfahrungen – keinen Deut um sie, die Würde, geschert, stählte sie nun als neu sein Bewusstsein. Von nun an erfuhr er jeden einzelnen Schritt des Weges als Ziel, jeden Augenaufschlag als Geburt eines visuellen Momentes, jedes Geräusch als Ton seines Lebensorchesters.
Diese neue Kraft, seine Würde, pries ihm das Leben von nun an als Welt, die von ihm bereichert wurde. Panik, Hektik, Sucht, das Verlangen nach Meeeehr … hatten sich gewandelt in Ruhe, Gelassenheit, Weisheit und dem Wunsch, zurückzugeben.
Und je mehr er zurückgab, durch Rat und Tat, Zeit und Liebe, desto stärker wuchs seine Würde. Irgendwann war sie so groß und allumfassend, dass die Welt, ja, die ganze Menschheit, sich hätte an ihr laben können. Der Titan war angekommen.
Une Histoire fragmentaire; Paris 1867
Madame de Poteau fixierte – im Café mit einem Fremden sitzend – ihr Gegenüber schamlos offensiv; Paris in 1867, so fühlte sie, befand sich ohnehin im Wandel.
Allein die Weltausstellung auf dem Champ des Mars zündete in wohl jedem Besucher die Flamme der Veränderung. Und „en passant“ wurde Althergebrachtes durch praktisch alle Schichten der französischen Kapitale hinweggerauscht durch Millionen Opiumpfeifen. Eine neue Zeit brach an. Mit ihr der Aufbruch in eine Epoche, auch in eine solche der Aufgeklärtheit. Eine Epoche, in der die Kraft und Chuzpe der Frauen nicht mehr eingemörtelt wurde von hochbetagten, missgünstigen Männern, deren Falten wie altbackene Bücher wirkten. Nein, wusste Madame de Poteau, diese Zeiten waren vorbei. Und selbstverständlich blickte sie während eines Gespräches mit einem Mann, einem fremden, forschend in dessen Gesicht, anstatt irgendeine Patina vorzugaukeln.
Fasziniert von ihrer Zeit, ertappte sich die wohl Dreißigjährige dabei, Momente festhalten zu wollen. Als Infernal tektonischer Umbrüche. Als Skulptur für die Ewigkeit.
Der Kunst zugetan, öffneten sich in ihr selbst Tore, deren Scharniere ächzend, knarzend, und schließlich berstend nachgaben und freilegten, was in ihr – gottgewollt – schlummerte: Die Freiheit des Geistes. Ach, dachte sie beispielgebend, wie schön wäre es, Monet selbst zu begegnen. Dieser Mann malte, als verbärge sich hinter der realen Welt, eine solche, die surreale Realitäten schuf. Denn jedes Bild von ihm zog sie an, gewaltverlachend und doch unwiderstehlich, und entfachte in ihr eine verklärt-revolutionäre Kraft.
Und las sie die Werke eines Paul Verlaine, erklangen in ihr Saiten des Lichts: „De la musique avant toute chose“.
So kam’s ihr in den Sinn: „Das Leben, ein Lidschlag nur. Siehst du das denn nicht?
Und traubensüß ist‘s, das Sein. Wie kosmischkalt. Nur die Liebe ist aller Gründe Grund, ist das Licht, ist der Sinn. Schweigst du, wie sooft, taumele ich im Vakuum. Lass’ mich nie wieder taumeln, auch nicht im Vakuum.
Beschwert ich bin, wie federleicht. Die bittersüße Schönheit des Lebens … und sein erwartensschweres Ende … Fluten harren, geweint zu werden. Weinen wir sie. Du und ich. Hand in Hand“.
Madame de Poteau erhob sich, bezahlte selbst ihren Café Crème und schritt mit durchgedrückten Knien stolz von dannen.