LOCK-DOOF UND DROSTEN WARNT

Ein bös’-satirischer Exkurs.

Deutschland, 2021

„Nicht das desaströse Debakel um den verhunzten Bau des Berliner Flughafens dürfte die Annalen des Versagens deutscher Hilflosigkeit anführen …

Es geht noch schlimmer. Noch dämlicher. Noch neudeutscher.

Wo sind sie hin, die teutonischen Helden? Wo ist es, das germanische Erbgut, das einst nicht nur im rhetorisch gemeinten Leitsatz mündete: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen?

Wo? Etwa zu finden in einer erbärmlichen Corona-Impfquote? Oder in jener Blase der Angst, in die sich die dröge deutsche Masse seit einem Jahr und länger fast klaglos dreingibt?

„Ziehen Sie die Maske auch über die Nase!“, geifert das (wohl weibliche) 120-Kilo-Gefährt aus dem Netto-Markt, augenscheinlich bereit, zuzuschlagen (in der feist-voluminösen Hand eine zucke(r)nde Joghurtflasche). In seinem Kopf spielt sich zwar – es steht zu vermuten, mangels Masse – üblicherweise nur primitiv Instinktives ab, etwa den Mund zum Essen zu öffnen (diesen aber nicht wieder zu schließen), doch nun stehen dem Wesen die unlängst viral zu sehenden polizeilichen Jagdszenen in Hamburg und anderswo nach Maskenverweigerern förmlich ins Gesicht geschrieben. Ah, weiß der Kenner, noch eine Maßregelungsnutte.

Wohin das Auge auch fällt, heute, anno 2021, mangelndes Erbgut aller Orten. Weißdeutsche Überlegenheit sieht anders aus, befinde ich.

Edelmut, ein scharfer Geist, körperliche Vollkommenheit … lachhaft, der Drops ist gelutscht, wir leben in agonischer Selbstentartung.

Und das ist noch der vielversprechendste Aspekt in der aktuellen Corona-Gleichung, denn bevor es besser wird, muss es erst noch schlechter werden. Yippiyeah, bald haben wir es geschafft.

„Sie dürfen hier nur mit Korb rein!“, setzt der Netto-Koloss noch einen drauf und beschleunigt – ohne es zu wissen – den kollektiven Untergang.

Wobei … etwas stört meinen Blick in die Zukunft: Eine Schlagzeile der (inzwischen geläutert scheinenden, überraschend pragmatischen) BILD, unlängst … Rentner „flehen“ den deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn an, für raschen Impfstoff zu sorgen. „Flehen“ … Hm. Man könnte fragen, ob diese Rentnergeneration zwar das Wirtschaftswunder schaffte, im Westen so gefeiert, aber zu jung war, um angesichts des Feindes so etwas wie Ehre zu entwickeln? Flehen … anstatt ehrenvoll zu sterben? Naja, immerhin verbindet diese beharrliche Weigerung sie mit der heutigen Weichei-Generation, deren Sprecherin, Jens Spahn, einst Kanzlerin werden will.

Und über Allem thront ein Ordnungsamtregime, dem sich alles und jeder in vorauseilendem Gehorsam fügt, und seien die Gebote, Verbote, Verfügungen die Ausgeburt der Sinnfreiheit schlechthin.

Wenn Delinquenten im alten Rom gekreuzigt wurden, war es üblich nach einer Weile (die sich auch nach der Schwere des Verbrechens richtete), den Bedauernswerten ihre Kniegelenke zu brechen. Woraufhin bald der Tod eintrat. Und denkbar – so gefiele es mir – wäre die Möglichkeit, dass der kreuzigende Büttel noch ein paar Worte an den Todgeweihten richtete: „Lass los, das Leben. Dein letzter Atemzug. Jetzt. Dann hast du  Ruhe.“

Worte, die unsere sinnlos dahinkonsumierende, buntdeutsche Zivilisation verdient hätte, denke ich an den seltsamen Potpourri aus Bestimmungspolitik, Medienerziehung und Willfährigkeit der Bevölkerung. Teils kopfschüttelnd, teils fasziniert, wohl auch paralysiert, erduldet sie die Stufen des zweiten Lockdowns, der erst bis kurz vor Weihnachten 2020 dauern sollte, dann ein paar Wochen, und nun fünf Monate. Weil Drosten warnt.

Nicht, dass Lockdowns nicht nötig wären … geschenkt … aber die Nebengeräusche sind orchestraler Katzenjammer.

Regierungssprecher Seibert, wenn er was zu verkünden hat, scheint sich regelmäßig mit monströsen Blähungen herumzuplagen, so verkniffen zappelt er vor der Presse herum, die, getrieben von der Sucht nach reißerischen Schlagzeilen, jede seiner Zuckungen missdeutet:

„Der Sommer könnte gut werden, aber Drosten warnt.“ Autsch. Lachen kann so weh tun.

„Es ist aber nur noch ein Korb da“, klagt der Netto-Besucher in Erwartung einer Backpfeife vom 240-Pfünder. „Und was ist mit meiner Frau?“

„Die muss warten“, befiehlt das Flintenweib gebieterisch.

Der Angesprochene ist plötzlich heilfroh, kein Corona-Leugner zu sein, angesichts des reichlichen Platzes in der Tiefkühlfleischabteilung, in die er vom Volumen her genau hineinpassen könnte …

Die Stunde der Weisheit ist nicht immer leicht zu ertragen.

Dabei hätte man sich dran gewöhnen können, peu a peu … Beginnend mit dem Händewasch-Lockdown vor elf Monaten. Das waren noch Zeiten. Oasisch. Als die Stoffmaske noch „in“ war. Zur Freude insbesondere asiatischer Entrepreneure, denn die Nähereien von Mumbai bis Hanoi liefen heiß und den Technologieplagiierungszentren den Rang ab. Vorbei die Choose, Seehofer ist wohl doch ein Nazi.

Dafür können wir jetzt „Clicken and Taken“, in Absprache mit dem Virus freilich. Logistik ist das Zauberwort.

Eine Herausforderung, der sich vor einigen Wochen auch Ex-Luder Djamila Rowe stellen musste, in einem humorlosen Ersatzdschungel irgendwo in oder bei Köln, während sie mit ihren monströs aufgespritzten Lippen einen Stern zu entschrauben suchte, beobachtet von glitschigem Getier.

Da möchte man doch wieder Kind sein. Und draußen spielen. Bis Papa sagt: „Das geht nicht, Blümchen!“

„Warum nicht, Papa?“

„Weil sonst Omi stirbt“.

Das Kind, in grausamer Logik, wägt kurz ab, Omis Kuchen und Hasche auf dem Spielplatz.

„Hm“, denkt es enigmatisch.

EDEN

„Wenn ich es mir hätte aussuchen können, wann mich unique ergriff, was bis heute anhält, fiele meine Wahl auf 1983. Das Jahr, in dem  Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow sich weigerte, unmittelbar nach einem augenscheinlichen US-Atombombenangriff einem vorgeschriebenen Protokoll zu folgen, um einen atomaren Gegenschlag der Sowjetarmee führen zu können.

Der Alarm erwies sich als falsch, Stanislaw als Held und begründete vielleicht eine neue Zeitrechnung. Ein würdiges Jahr.

Doch die Fügung wollte es anders. Weder wurde Stanislaw standepede geehrt (erst 20 Jahre später), schon gar nicht durch eine neue Zeitrechnung, und ich musste mit 1984 vorlieb nehmen. Immerhin gewann Katharina Witt Olympisches Gold.

Es war Sommer, ich 16, und einzig die brennende Jugend in mir bezwang meine Angst davor, jawohl, pure Angst, nicht in jene Lokalität gelassen zu werden, die vielsagend als Eden titulierte.

Der Garten Eden, was sonst.

Heute frage ich mich schon, weshalb die damals Verantwortlichen, allesamt DDR’sche Atheisten, ausgerechnet das christliche Paradies als Namen erkoren, aber das ist eine andere Geschichte. Und wenn Namen Programm sind, was spielt dann Religion für eine Rolle?

Bereits Tage zuvor, als klar war, dass mein erstes Mal im Eden bevorstand, arrangiert von einem Stammgast, zehn Jahre älter als ich, der erstens meinte, ich gehöre dahin und zweitens, ich gehöre da definitiv hin, entfaltete das Eden seine Wirkung auf mich. Etwa: Was ziehe ich an? Komme ich auch rein? Bin ich auch cool genug? Reichten die knapp 50 Mark, die harakirisch darauf warteten, ausgegeben zu werden?

Und als ich mir alles mehr oder weniger zurechtgebogen hatte, ging’s auf die Reise.

Hinter Uwes breitem Rücken – war es gegen 19.30 Uhr? – schnitten wir heißklingig durch eine breite Masse modisch herausgeputzter, avantgardistisch aussehender Wartender vorbei, doch zwei Meter vor der Einlasstür im 1. Stock war Schluss, das Gedränge stoppte uns. So hingen wir eine Weile zwischen den Welten, diesseits und jenseits. Neben mir eine blutjunge Frau, die mich an meine Natur gegebene Pflicht der Paarung hätte erinnern sollen, so hübsch war sie, doch daran dachte ich gerade nicht.

Die Tür ging auf, ein männlicher, großer, blonder Lockenschopf erschien, schüttelte mit dem Kopf, meinte, es hätte ja heute keinen Sinn zu warten, nur Vorbestellungen könnten berücksichtigt werden, deutete sodann einladend auf Uwe, der – nachdem er mir zuflüsterte „… das is’ er, der große Gerhard“ – … mich mitzog. Die Grenze, die jener Blondschopf für mich ausmachte, war überwunden, ich war … drin.

Bis dahin kannte ich nur Schuldiskotheken.   Schlecht gemixte Drinks. Ein bisschen Ferienlager. Private Partys. Klar. Wie eine Seifenblase zerstob die Vergangenheit, denn ich wusste, was ich zukünftig wollte. Dabei sein. Im Eden.

Kaum drinnen, hob mich gleichsam thermisch eine Kraft empor. Zu schweben, hatte ich schwerlich erwartet. Doch was ich sah, korrespondierte mit dem, was ich spürte: Ich ritt auf Wolken.

Ballet Dancer dröhnte aus den Boxen, eine die Tanzfläche flankierende Leuchtwand spielte Stakkato, Menschen tanzten so, wie ich es noch niemals zuvor sah, ansteckend, mitreißend, verquer schön. Und überall diese attraktiven Menschen, was nicht nur an ihrer physiognomischen Symmetrie lag …

Viele kannten sich untereinander, fiel mir sofort auf. Es war indes keine Familie, die mich empfing, es war eine verschworene Gemeinschaft.

Ein halbes Leben später haben sich diejenigen, die damals jenen Potpourri ausmachten, ihm ihren Spirit einhauchten, nicht mehr viel zu erzählen. Wen interessiert es wirklich, wer was, wann und warum, im Westen oder Osten, so mit sich und seinem Leben tat?

Aber es ist mehr, als nur eine verstaubte Reminiszenz, die noch heute verbindet, denn das, was in Leipzig damals möglich war, konnte nur in dieser Stadt und nur in dieser Zeit gefügt werden. Eine Avantgarde die weder von Dünkel noch Geld geschmiedet wurde, weder Herkunft noch Politik, so wie in allen anderen Städten, sondern dem sich Hingeben eines Zeitgeistes, den nur wir, ja, wir, verstehen.“

Nihilismus ad absurdum

Der Raum, den du füllst, ist wie ein unvollendeter Gedanke. Schön, voll des Lichts, Quell meiner Sehnsucht, und nicht zu okkupieren. Es ist dein Raum. Um ihn herum vermag ich eine Welt zu bauen, Kriege führen, mich nach ihm richten, aber er gehört dir.

So speist dein Raum den meinen.

Ich blicke ins Kerzenlicht. Im Feuer erkenne ich mich; Brennen ist mir Passion.

Marathon

Part I

dieses blau, dieses blau

es fließt in meinen kopf

ergießt sich, in alle winkel;

und so viele blicke, in mein herz

wie schwerter kalter morgenluft

stummen sie ihr lied;

der wölfe sangesklang, fügt es orchestral

im fieber ich geboren ward‘

mein lebensritt ein strahl

Part II

in ihm sie tost

und singt ganz engelsgleich

atmet

einfach ist;

so träumt sein busen

in schwereloser leichtigkeit

von ihrem licht

das ihm den weg enthöllt

ihn befreit von dunklen tagen

von jenen, da sie woanders blieb

ja, ohne ihn

als kalter wind manch‘ wunden riss

ein strahl wie eis, wie feuer

… und asche dann

zu der sein herz zerfiel

weil ohne sie kein leben ist

Part III

steine blichen als du schliefst

winde starben, getilgt aus jedem traum

doch tot warst du nicht;

trugst in dir der schleier nebel

fühltest ihren trägen hauch

und verlorst dich darin

auch suchend warst du nicht;

gedankenvoll du irrtest

doch leeren kopfes, nur bilder

die dir blieben

wie die steine blichen sie;

verwaschen deiner tränen

im salz die wahrheit nistet

und fragt nicht, ist nur kristall

so gebarst du neuen mut

denn die flieder werden blühen

erwachst aus deinem schlaf

wie süß, der wünsche duft

ZEITGESCHICHTE IN MASKULIN

„Neulich traf ich einen Mann. Einen Bekannten. Einen, der mir nicht unsympathisch ist. Wir führten ein Gespräch, tauschten uns aus, zumeist privater Natur. Und durchstießen die seichte Höflichkeit wohl üblicher  Plauderei einander zwar bekannter, jedoch nicht wirklich befreundeter Protagonisten mit paradigmatischen Wahrheiten und den Skizzen zukünftiger Momente als drohende Zäsur.

Sein Alb, eine Beziehung, die vorm Scheitern steht. Weil er ungeliebt liebt.

Sie, Ende Zwanzig, brünett, schwere Alkoholikerin, bipolar in teils stakkatischem Wechsel, recht ansehnlich, dem Foto auf seinem Smartphone nach zu urteilen, hat ihn – bewusst oder nicht – bei dem, was man bei Hunden Klöten nennt.

Schraubstockähnlich ist sie in der Lage, weil er will, dass sie ihn will, und er sich dafür auch erniedrigen lässt, den Druck zu skalieren.

„Liebst du mich noch?“ fragt er oft fast flehentlich. Woraufhin sie irgendetwas sagt, zum Beispiel, dass das Taxi vor der Tür warte … und sie sich beeilen müsse.

Trägt er – verzweifelt wie enttäuscht – den Gedanken einer Trennung vor, direkt in ihr Gesicht, wird sie wachsweich, ist fast zärtlich, ohne dabei zu vergessen zu erwähnen, dass die nächste Mietzahlung für ihres missratenen Bruders Wohnung fällig sei; mein Bekannter hatte sich bereit erklärt, den von ihr geliebten Bruder, angeblich ein Junkie und verurteilter Handtaschendieb, finanziell zu unterstützen. Meine Frage, ob er ihn jemals zu Gesicht bekommen hätte, blieb unbeantwortet. Woraufhin ich zweifelnd eine Braue hob, sauerteigmimisch flankiert.

Ich erklärte ihm schließlich, dass, da weder eine Zukunft existiert, noch die Vergangenheit, der Moment alles sei. Es ergäbe keinen Sinn, so schlaumeierte ich weiter, sich den Moment zu verübeln. Es sei denn, eben daraus ließe sich Kraft schöpfen. Oder Inspiration. Woraufhin er aufmerkte. Und als passionierter Maler eine Idee gebar. Er stand auf, verabschiedete sich und erklärte, ein bestimmtes Bild malen zu wollen.

Ich werde, sichtbar oder nicht, Teil dieses Bildes sein.“

REGENREISE

Getürmte Zeit, abzuschleifen zwischen silbern belegter Wolken, gold‘nen Sternen und schwarzer Erd‘.

Eis und Regen, Eisregen; in der Fusion trotzt das Erstarren dem Schmelzen.

Du sitzt neben mir; ein vereinter Atem erschafft uns neu. Die Lust zu Reden erschlägt sich selbst, denn der Moment, zart wie eine Kirschblüte, soll unverfälscht schweben über uns, in uns, mit …

„Voller Glück, das bist du“, murmelt verschwörerisch die faltenreiche Roma-Frau und streckt mir erwartungsfroh ihre üppig beringten, wettergegerbten Hände entgegen. Einen Lidschlag lang berühren wir uns; der Lohn für ihre Phrase, ein Geldschein. Aber ich spürte heiße Lava in ihrem Herzen, und eine Million geweinte Tränen. Und die ihrer Mutter, die ihrer Großmutter, Ur-Großmutter …

Endlos schien der Sturm, schwarze Wolken zerrten am Meer, wütende Schläge aus Blitz und Donner wühlten es auf, kein Licht, nirgendwo. Doch dann durchbricht ein Strahl, gleißend und kraftvoll, die düstere Decke. Und sie erwacht. Wo, weiß sie nicht, auf einem Schiff vielleicht? Aber vor der erneuten Finsternis – und rasch schließt sich das Wolkenfenster, erstickt schier den Strahl – erkennt sie, gewesen zu sein. Fort, der erdenschwere Druck auf ihrem Herzen.

Mag nun kommen, was kommen soll.

VON ZÄHREN DIE VERZEHREN, GLÜCK UND TRANSFORMATION

Trocknen Tränen, verbleiben Spuren. Kristallin belegen sie Emotionen jedweder Natur oder Reflexe. Proteine, Enzyme, gebettet in Salz … was vom Weinen übrig bleibt.

Doch so wie der Geist seinem – oft unfreiwilligen – Hort entweicht, der Flasche, oder in Aladins Fall der Lampe, so treibt der Tränen Grund Blüten, wirkt.

Und bestand aus eisig‘ Fleisch des Beobachtenden Herzen, regen sich nun Gefühle. Denn Tränen erweichen, berühren.

Tränen gehören den Weinenden, aber – als ob die Zähren sich ihrer Tragweite bewusst wären und über ein Eigenleben verfügten – mir gefiele der Gedanke, sie selbst würden wahrgenommen werden wollen.

SIE ist eine andere in diesem Moment; was die Psychologie erklärt, erfahren nun ihr Leib und Geist: Transformation. Sie spürt den Mond, liest in sich Freude, die unlängst noch vergraben war. Versteckt unter Bergen gelebter Zeit, unerfüllten Hoffnungen, erfüllten …

Doch nun ist sie freigelegt, die Freude. Sie geht einher mit jenem Duft der sich in ihr als süße Sehnsucht ersteigt.

Innehaltend geht ihr Blick hinein in den blauschwarzen Himmel, der surreal nah Sterne – so scheint‘s ihr – irrlichtern lässt.

Sie sieht ein Flugzeug in der Ferne, eigentlich nur die Positionslichter, erahnt  den Thermo-Boliden. Er fliegt wohl in Richtung Westen. Dorthin, wo alles endet, alles Leben, und somit neues entstehen kann …

So wirft sie der Ahnung eines Flugzeugs eine ganze Woge aus Sehnsucht hinterher, damit diese sich als Kraftfeld um Rumpf und Flügel legen möge, und begleitet, ihrer Sehnsucht Quelle entgegen.

TANGO

Was uns zusammen sein lässt, trennt uns mitunter auch wieder. Was uns wissend macht, entblößt auch immer unser Unwissen. Und was uns erleichtert, beschwert uns oft alsbald darauf.

In diesem … diesem Tango der sich bedingenden, einander schaffenden, wenigstens begünstigenden Wahrheiten sind Wendungen inkludiert, die diesen die Ambivalenz des Lebens widerspiegelnden Tanz erst vervollkommnen.

Der Ehemann einer Mäzenin, passionierter Jäger, erschießt versehentlich seine Frau, die mit ihrem Liebhaber durchs Unterholz kriecht, um eine „geeignete“ Stelle zu finden. Und die ob ihres Todes eine aufzulösende Stiftung hinterlässt, deren Liquidation dazu führt, dass ein Kind eine bereits zugesagte Krebstherapie nicht bekommt und … stirbt. Mit Folgen, die ein kleines Menschenuniversum erschüttern.

Oder eine ausufernde Gartenparty … Sechs Freunde. Inmitten des Corona-Lockdowns. Inmitten einer medial gesteigerten Massenhysterie, in der sich jeder zweite Nachbar, jede Supermarktkassiererin, und erst recht jeder Neider, versucht fühlt, dem buddhistischen Glaubensbild zu entsprechen um Reinkarnist zu sein: Stasi-Denunziant.

Sechs Freunde also, die dem Garten ein Gesicht geben. Den ganzen Abend, und, hart an der Ruhestörung, die halbe Nacht hindurch. Sechs Freunde, die tranken, als gäb‘s kein Morgen. Rauchten, als validierte jeden Moment der Grünen Rauchverbotsgespinst. Koksten, als wetteiferten sie um des Sensenmannes Gunst, als erster die Schwelle der Schwellen übertreten zu dürfen.

Und als sie – dann doch noch lebendig – auseinanderstob, die geeinte Bande der Rebellion, hinterließ sie ein Bild, das geeignet gewesen wäre, einer waschechten linken Atheistin – gern um die Sechzig mit einer Katze im Haus – ein herzlich-ehrliches “Oh-Gott” zu entlocken. Ein Bild dessen, was gewesen war. Ein Tisch der Spuren. Des Gelages.

Und dann kam sie, die Denunziantin. Und fotografierte, und zeigte die Sechs bei der Polizei an. Triumphierend auf das Foto verweisend. Ah … das Beweisstück.

Ein Foto, dass der zuständige Polizeichef einem der Sechs zuspielte. Sein Trainingskamerad. Zufällig. Ein talentierter Fotograf. Und der erkannte das Potential und schuf aus dem Bild ein Meisterwerk namens “Es lebe der Denunziant!”.

Was immer auch geschieht, die Unberechenbarkeit der Fügung, und nicht das Atmen, so mag es mir gefallen, unterscheidet das Leben wahrhaftig vom Totsein.

Le chemin éternel

Sehnsucht beflügelt, schmerzt, inspiriert, brennt, sodass ihre Erfüllung wie labendes Löschen dünkt.

Indes, ertrunken im Glück endet die Sehnsucht …

Ach, oh ach … würd‘ sie doch noch beflügeln mich, schmerzen, inspirieren, brennen, sodass ihr Löschen Labsal verspricht …

Die Zukunft ist jetzt …

Unter dem Baldachin, da saß ich ganz still. Auf einem Korbstuhl, umgeben von grüner Pracht. Und schillernden Blüten, zu öffnen sich von der Sonne gelockt.

Kumuluswolken ziehen vorbei; das Firmament scheint so nah. Wie die Bläue, die schier magisch Kontraste gebiert. Zum vorsommerlichen Grün. Zur scharlachroten Kirche, aus Ziegeln gebaut. Zur nahen Wisla, die das Blau erst zu verschlingen scheint, um es dann gedämpfter widerzuspiegeln.

Verliert sich mein Blick im Fluß, schwimmen Wolken. Gegen den Strom. So halte ich dann inne, belegt des sanften Schleiers unwiederbringlicher Gegenwart, berührt des Wissens, was gestern war, kehrt nie zurück, beschenkt der Sehnsucht nach deinem Herzschlag.