Contrastes. Réflexions. La pluie. L’amour.

Regen peitscht gegen die Fensterfront seines Apartments. Stein, Stahl und Glas trotzen dem Sturm, und dennoch kokettieren sie mit ihm, denn im Aufeinanderprallen erzeugt „sich“ Energie. Er kann sie spüren. Und mit der Unstetigkeit des schier tosenden Windes, auf und ab, grollend und pfeifend, geht eine Stetigkeit einher, die vielleicht und paradoxerweise mit Stille zu vergleichen wäre. Denn Permanenz wohnt die Eigenschaft der Täuschung inne. In der Perzeption ständiger Wiederkehr verbirgt sich ein einlullendes Muster.

So schweifen seine Gedanken schließlich ab, der Sturm draußen ist nur noch allenfalls Begleiterscheinung.

Er stellt sich ihren Herzschlag vor. Sanft im Rhythmus, süß im Ton. Wie ihr Atem, der, vom Schlaf bestimmt, geeignet wäre, eine Ballade derart zu intonieren, auf dass die Welt, wohl betört, einen jeden ihrer Atemzüge ersehnt. So wie er.

Denn ist er nicht Teil dieser Welt?

Im Sturm zu wissen, wo man sein möchte, wo man hingehört, zu wem man sich hingezogen fühlt, verspricht … anzukommen.

Polnische Schatten

(Ein kriminalistisches Essay)

2020, WARSCHAU

PROLOG

„Es sah nicht ungeschickt aus, was jener livrierte, raspelkurz geschorene Barkeeper im Warschauer Rafles Europejski, eines der exklusivsten Hotels der Welt, veranstaltete. Gekonnt hantierte er mit Mixbechern, Flaschen, Gläsern und Früchten, zerstampfte Limetten, platzierte Oliven, spießte kandierte Kirschen auf Spießchen, kredenzte Augenschmäuse, und all dies in beeindruckender Schnelligkeit. Jedenfalls ohne das überflüssige wie angeberische Schi-Schi a la jonglierende Flaschen und dergleichen. So entstand Getränk um Getränk, vom klassischen Drink bis zum tropischen Cocktail. Und das tat auch Not, denn in der Bar herrschte Gedränge. Mit – keine Frage – augenscheinlich interessanten Menschen. Abgesehen von dem wohl kleinsten gemeinsamen Nenner, dass es nicht die Armut sein konnte, die die hier Anwesenden gerade nicht verband.

Ungeachtet vielleicht der zwei von allen anderen Gästen ignorierten Edelhuren in der Mitte der Bar, schien jeder, Mann wie Frau, eine Persönlichkeit zu sein. Unternehmer, Politiker, Schauspieler, Mäzen, Sportler oder sonstige VIP. Was darüberhinaus ins Auge stach: Stilvoll gekleidete Menschen, gepflegte Manieren, zumeist, ein Geräuschpegel der zwar auf Ausgelassenheit wies, jedoch weit davon entfernt war, das Level eines orientalischen Bazars widerzuspiegeln, oder das eines teutonischen Gelages. 

Ob seiner minimalistischen Größe kaum zu erkennen, wies das Namensschild des Barkeepers diesen als Artur aus. Artur – und ein nicht weiter erwähnenswerter, ebenfalls livrierter Helfer – rockte den Laden. Seine Service-Mitarbeiterinnen, drei flinke und – nebenbei bemerkt – äußerst attraktive Kellnerinnen, flogen nur so durch den Raum und so verwunderte es nicht, dass jeder Gast bedient war und keine Sorge haben musste, auf dem Trockenen sitzen zu bleiben.

Ich selbst hatte mir einen Platz an der Bar ergattert, schlürfte einen Cocktail, durchsah die Edelhuren als wären sie Luft, während sie meinen Blick suchten, und wartete auf jene Gelegenheit, die mir von einem polnischen Vertrauensmann, dessen Namen ich hier unmöglich wiedergeben kann, wollte ich ihn nicht in Gefahr bringen, versprochen worden war. Er hatte jedenfalls gesagt, dass ich ihn hier treffen würde. So gegen 22 Uhr. „Ihn“ war ein hoher Parteifunktionär bei der PiS, jener Regierungspartei Polens, die vom Präsidenten Jarosław Kaczyński  beherrscht wurde.

Schenkte man Oppositionellen Glauben, hatte Kaczynski es verstanden, ein Geflecht aus Getreuen und zugleich Abhängigen um sich zu scharen, die PiS nicht nur an der Macht hielten, das Land vom Westen weg führten, was man so oder so hätte beurteilen können, denn die plutokratische EU-Krake ist nicht nur schön, die es jedoch so regierten, als besäßen sie die absolute Mehrheit. Mit zirka siebenunddreißig Prozent war PiS vor etwa fünf Jahren durch geschicktes Koalieren an die Macht gelangt und 2019 festigten sie ihre Position durch eine satte Wiederwahl nahe der absoluten Mehrheit. Eine nationalistische Partei sozialistischer Färbung, voll der Seilschaften aus den Zeiten des Kommunismus und den dramatischen postkommunistischen Phasen. Reaktionär, patriotisch, und eigentlich antiwestlich. Eigentlich, denn der Euro wog und wiegt schwer …

Jedenfalls hatte sich zwischenzeitlich eine gefährliche Atmosphäre herausgebildet, die dem Verfall von Rechtsstaatlichkeit geschuldet sein mochte, denn PiS bestimmte seither, wo es lang ging und geht.

Wer sich etwa einen hohen Funktionär zum Feind machte, konnte schnell im Gefängnis landen, mal so eben, wegen irgendwas. Gern genommen wegen des „Verdachtes der Korruption“ oder „Verdachtes der Steuerhinterziehung“.

Ich wusste also, es könnte ein Spiel mit dem Feuer sein, das ich da zu treiben gedachte. Aber ich brauchte Informationen und einen Verbündeten.

Ich wusste wie der Kerl aussah, ich wusste, dass er gern im Mittelpunkt stand, dass er verheiratet war und dennoch andere Frauen mochte, je schöner, desto besser, je mehr, desto besser, und er war bestechlich. Grandios bestechlich, so mein Vertrauensmann.“

KAPITEL 1

DAS WASSER DER SIRENEN

(Leipzig, ein Monat zuvor)

„Spielen wir eine Partie Schach?“ bedeutet nicht nur eine bloße Frage, denn sie ist geeignet der Menschen Welten zu entzaubern. 

Was macht es mit einem Individuum, wenn zunächst unbedarft geantwortet würde: „Ja, gern“, und das Spiel daraufhin dramatisch verloren ginge? Wenn der Spielgegner, der Gewinner, eigentlich ein unterstellter Mitarbeiter wäre, oder ein Rivale innerhalb eines x-beliebigen Lebensbereiches, vielleicht ein heuchlerischer Konkurrent, dem Gottes neuntes Gebot piepegal ist, ja, sogar diametraler Ansporn?

Nun, es zeigt in brutaler Unverblümtheit, dass der Gegner klüger ist. Dass er des logischen Denkens mächtiger, des strategischen Taktierens geeigneter ist. Er ist schlicht in einem wesentlichen Lebensbereich der bessere Mann, die bessere Frau, der intellektuell überlegene Mensch. Selbst wenn der Verlierer im sonstigen Leben erfolgreicher als sein Gegenspieler sein sollte, sogar ein mächtiger Unternehmer oder Politiker sein mag, berufen, das Leben von vielen zu lenken, würde sich der Stachel der Niederlage in sein Inneres nisten. Er würde wissen: „Ich bin schwächer, als mein Gegner, es reicht geistig nicht aus, ihn zu besiegen, er ist klüger.“ 

Eine geistige Bankrotterklärung. Ein persönliches Menetekel. Eines, das die Psyche tangieren könnte und sich so mittelbar ins Reale transferiert.

Geht eine Schachpartie verloren, geht noch viel mehr verloren, als nur das Spiel.

Schach ist kein Glücksspiel, Schach ist eine Herausforderung, Schach ist … Krieg.

Es entbehrt nicht eines  historisch fundierten Hintergrundes, weshalb die mit rund sechshunderttausend Einwohnern relativ kleine Stadt Leipzig zu den redaktionell am häufigsten beschriebenen Städten der Welt gehört – und dabei viele deutlich größere Metropolen rund um den Globus weit hinter sich lässt. Aber was könnte der Grund dafür sein? Was besitzt diese Stadt, das so beschreibenswert ist? Was verbirgt sich hinter dieser statistisch belegbaren Tatsache? Touristisch betrachtet sind Städte wie Dresden, Berlin, Kopenhagen oder Krakau bekannter, die größeren Anziehungspunkte. Und wirtschaftlich ist die die Mitteldeutsche Metropolregion dominierende sächsische Stadt zwar auf einem prosperierenden Weg, zumindest war sie es bis Corona kam, gleichwohl noch längst nicht so stark wie rein größenmäßig vergleichbare Städte, etwa Frankfurt oder Düsseldorf. Was also könnte der Grund sein für die Berühmtheit dieser Stadt? 

Werfen wir einen Blick zurück ins 19. Jahrhundert. Das barocke Leipzig galt, neben Wien und Paris, als bedeutendste Musikstadt Europas. Viele der großen und berühmtesten Komponisten wirkten, studierten, komponierten in Leipzig oder stammten von dort. Wagner, Mendelssohn-Bartholdy, Clara und Robert Schumann, Grieg und Telemann, Lortzing oder Reger, und viele andere, alle waren sie da, alle trugen sie zu dem außergewöhnlichen Nimbus Leipzigs als Musikstadt bei. In Leipzig zu leben, hieß damals HIP zu sein. Die Stellung als Deutschlands bedeutendste Messestadt trug ebenso zu diesem Prädikat bei, wie ihre Position als Zentrum des deutschen Buchdruckes. Medien, Musik, Handel. An Leipzig führte damals kein Weg vorbei, zumal ihre strategische Lage den Schnittpunkt der sich kreuzenden alten römischen Handelsstraßen VIA REGIO und VIA IMPERI markierte. Schnell wuchs daher die Stadt, und gerade zwischen 1870 und 1910 explodierte sie förmlich, denn die Einwohnerzahl entwickelte sich exponentiell von Hunderttausend auf über Sechshunderttausend. Die Versechsfachung in nur zwei Generationen ging zwangsläufig mit einer umwälzenden städtebaulichen Entwicklung einher. Und da Leipzig als Messe-, Buch-, Musik- und später Pelzmetropole explorierte, war genug Geld vorhanden, um spektakulär zu bauen. Eine Gründerzeit- und Jugendstil-Stadt entstand. Und damit Tausende Gebäude, die heute als Denkmäler gelten. 

Mit dem verlorenen zweiten Weltkrieg und der sich anschließenden DDR-Zeit legte sich der Schleier des Verfalls über die Stadt und ohne den Fall der Mauer, der in Leipzig seinen friedlich revolutionären Anfang nahm, wäre die Stadt restlos zerbröselt in Ruinen und verfaulte Gebäude. 

Aber es kam anders. 

Um all die schönen Bauten Leipzigs denkmalgerecht wie originalgetreu sanieren zu können, gerade im Hinblick auf den dazu nötigen finanziellen Kraftakt, wurde ein staatliches Programm ins Leben gerufen, das Kapitalanlegern die steuerliche Anrechnung von Investitionen in die Denkmalsanierung garantierte. Das schien attraktiv wie verlockend zu sein und bot den moralisch belegten Umstand der Aufbauhilfe. Woraufhin ein ganzer Industriezweig entstand. Gebäude wurden erworben, in einzelne Wohnungen rechtlich aufgeteilt und saniert an Anleger in ganz Deutschland weiterverkauft. Damit ging die rechtliche und werbeaffine Besonderheit einher, dass zu jedem Verkaufsobjekt auch ein Verkaufsexposé erstellt werden musste. Die schiere Masse an derartigen Wohnungen in sanierten Denkmälern führte schließlich bis heute dazu, dass Leipzig, gleich nach dem sechs mal größeren Berlin, die meisten notariellen Verkaufsakte Deutschlands zu verzeichnen hat. Deshalb, liebe Leser, gehört Leipzig zu den redaktionell am meisten beschriebenen Städten der Welt.

Und in dieser geschichtsvollen Stadt traf sich Raffael mit den Brüdern, zwei hoch aufgeschossenen, kantigen schlesischen Kerlen, deren voluminöse Schädel und klug-listige Augen auf einen jeweils hohen Intellekt schließen ließen. Ihre Kleidung, nicht erwähnenswert. Aber was sie zu sagen hatten, ließ die Zeit in Leipzigs abendlicher Dämmerung still stehen, als greifbare Schwade. Und die Energie eines sturmbeladenen Tsunamis reicherte sich in der Atmosphäre an.

„Ein Satz, Tomasz, bring es auf den Punkt“, forderte soeben Raffael an den jüngeren der grauäugigen Brüder gewandt.

„Naja,“ entgegnete dieser ausweichend während sich seine Stirn in Falten zog. 

„Das ist nicht so einfach.“

Raffael spürte Ungeduld aufsteigen. Schon immer konnte ihm nichts schnell genug vonstatten gehen. Erst in den letzten Jahren seines nun fünfzigjährigen Lebens hatte sich die Fähigkeit zur Geduld herausgebildet.

„Versuch es bitte,“ insistierte Raffael vergleichsweise sanft.

„Ich glaube,“ ergriff der ältere Bruder namens Mateus, der trotz seiner 58 Jahre wie ein durchtrainierter Hochleistungssportler wirkte, wie ein Jungbrunnen „wir haben …“

„Ja?“

„Wir haben das … das beste Wasser der Welt.“

Fragend hob Raffael eine Braue.

„Erklär.“

Die Brüder schauten sich verschwörerisch  an. Bedeutsamkeit lag in der Luft.

„Raffael, wir forschen jetzt seit zwanzig Jahren. Die Quelle, unsre Aufbereitungsanlage, zahllose Analysen und Gutachten … ja, wenn Geschmack unerheblich ist, handelt es sich in der Tat um das beste Wasser der Welt.“

Ernste Gesichter, bedeutungsschwangeres Nicken.

„Weil es …“ Tomasz ließ sich mit seiner Begründung nicht ohne Theatralik Zeit „gesund macht.“

Mateus fasste Raffael vertrauensbildend an den Arm und führte weiter aus. 

„Mein Bruder hat Recht. Unser Wasser macht gesund. Nun, das bewirken viele andere Wasser auch, und noch mehr Anbieter behaupten es. Aber unser Wasser macht im Turbomodus gesund. Wie eine Penicillinspritze, wie akutes Gegengift, wie Magie … Und … beinahe hätte ich es vergessen … es killt das Coronavirus, heilt Covid 19.“

Scharf justierten sich Raffaels tiefblaue Augen und fixierten sein Gegenüber.

„Verifiziert?“

Beinahe entschuldigend nickte Mateus und zeigte seine Handflächen zum Zeichen der Offenheit. 

„Stell dir vor, was es alles kann, unser Wasser, Raffael. Damit gäbe es keine Pandemie. Infiziert oder nicht, alt oder jung, bereits krank oder nur Träger in Inkubation, Covid 19 bricht entweder gar nicht erst aus, oder wird umgehend geheilt; das Corona-Virus wird nach dem Trinken unseres Wassers regelrecht zersetzt. Es hängt mit der Molekülkette zusammen.“

„Ist das euer Ernst?“ 

„Aber ja. Und es kann noch mehr. Keinen Kater nach einem Saufgelage mehr, keine schlaffe oder fahle Haut, keine Geschwüre, ja, sogar den Krebs hat es schon besiegt. Ein starkes Herz, elastische Adern, eine ursprüngliche Darmflora, gesunde Nägel, und ein jugendliches Wohlbefinden … all das kann unser Wasser bewirken. Stell dir vor, selbst Botox wäre überflüssig.“

Raffael wusste um die Glaubwürdigkeit der Brüder, denn er hatte alle verfügbaren Gutachten von einem unabhängigen Institut in Schweden untersuchen lassen. Verblüfft hatte die Nordmänner festgestellt, dass dieses Zauberwasser die Reinheit prähistorischen Quellwassers besaß und zudem molekulare Eigenschaften, die nicht vernünftig erklärbar waren.

„Die Pharmaindustrie kann einpacken“, prophezeite Tomasz prahlerisch und Raffael, der die Mechanismen der Pharmaindustrie kannte, auch deren dunkle Seiten, spürte Bedrohliches aufziehen. Und er sinnierte tagträumerisch. Was er sah war ein weinender Bruder an des Blutsverwandten Grab.“

KAPITEL 2

DER PARVENÜ

Piotr besaß von allem etwas, aber von keinem genug, als dass es hätte aus berufenem Munde als Talent bezeichnet werden können. Nehmen wir diese Tatsache selbst. Er wußte um diese Unzulänglichkeit, dass er sozusagen talentfrei war, was ihn jedoch nicht davon abhielt zu glauben, alles schaffen zu können. Und begegnete ihm wirkliches, göttliches Talent, reagierte er gereizt, neidvoll, sogar feindselig. 

Oder betrachten wir sein Äußeres, seine Gestalt und Erscheinung. Er maß nicht gerade klein, aber mit Einsachtzig auch nicht groß genug, um rein körperlich mit echten, beeindruckenden Athleten ansatzweise mithalten zu können. Ganz abgesehen von seiner wenig ausgeprägten Statur; diese als schwächlich zu bezeichnen, träfe den Kern zwar nicht, doch war er weit davon entfernt, einer Frau seine Brust beschützend darbieten zu können. 

Oder seine Physiognomie … In Piotrs Gesichtszügen – umrahmt pechschwarzen, im Nacken zwei Nuancen zu langen, an die Achtziger erinnernden Haares – war von Weitem eine gewisse Harmonie zu erkennen, die der Betrachtende beinahe als attraktiv oder schön bezeichnen würde. Beinahe. Denn bevor dieser Beobachter das Wort „schön“ würde ausgesprochen haben, hätte sich ein Zögern in seiner Kehle bemerkbar gemacht, ein Unbill, ein innerlicher Protest, ausgelöst durch den zweiten, den tieferen Blick. Und was er dann erkannte, war weniger schön, denn es lag, abgesehen von einer tendenziell zu blassen – um als gesund geltenden – Hautfarbe, und abgesehen eines gemessen an Fabinaccis Goldenem Schnitt zu großen Abstandes zwischen Oberlippe und Nasenansatz, etwas Kriecherisches in Piotrs Gesicht. Etwas Verschlagenes. Und etwas Doppelbödiges. Je näher man ihm kam, desto deutlicher wurden diese gegen äußerliche Schönheit sprechenden Merkmale. Auch seine Gestik, wenig vollendet. Ganz im Gegenteil wirkte sie fahrig, gewollt, anmaßend; so fasste er nicht selten Gesprächspartnern ins Gesicht. Eigentlich, um diese zu tätscheln, zu necken, aber oft vergriff er sich und grapschte zu derb, oder am Ziel vorbei, ins Auge des Genervten etwa. Auch seine Stimme, gebettet in eine erstaunliche Eloquenz, vielleicht dann doch ein Talent, stieß ab. Denn sie klang schrill, für einen Mann zwei Oktaven zu hoch, überbordend. Und schließlich sein Geruch. Er roch nur nach dem, was er auftrug. Trug er nichts auf, roch er auch nicht. Kein Parfüm, kein Geruch. In dieser Beziehung hätte er als reales Vorbild für Süßkinds Jean-Baptist Grenouille – was übersetzt Frosch bedeutet – gelten können. 

Piotrs Garderobe dürfte als teuer bezeichnet werden, aber auch hier stimmte etwas nicht. Irgendetwas fehlte …  Nur was? Die Antwort bot eine sich zeigende Gelegenheit, ein Vergleich. 

Piotr stand an diesem Abend mit zwei Parteikollegen in dieser erstklassigen, proppenvollen Bar im Rafles Europejski und prahlte soeben damit, dass er die Pressesprecherin eines politischen Widersachers mit der Finte ins Bett gelockt hätte, er würde ihrem Chef erzählen, dass sie ihm teure Geheimnisse verriete, woraufhin seine beiden Kollegen gequält wie unecht lächelten. Nun stand Piotr also da, lachte über seine erbärmliche Männlichkeit, die unmännlicher nicht sein könnte, gekleidet in einen Brioni-Anzug, dunkelblau, rote Krawatte, blauweiß gestreiftes Hemd, bordeauxrote Slipper mit Bommeln. Ein überkomponiertes Ensemble, würde der Kenner wissen, der Laie jedoch nicht. Was dieser indes erspüren würde, war etwas anderes, etwas viel Gewichtigeres. Um eben dies zu erkennen, bedurfte es eines Blickes ins Rund, hier in dieser Bar. Vorbei an einer Gruppe Frauen, dann an drei bedächtig plaudernden Mittsechzigern, nun zwei deplatziert wirkende Edelhuren passierend, an noch einigen Gästen entlang gleitend und schließlich ans letzte Viertel des Tresens, an der ein Mann stand. Er trank einen Cocktail, vermutlich Martini on the Rox. 

Ebenfalls dunkelhaarig, klassisch kurzes, nach hinten frisiertes Haar a la Mastroianni, Einsneunzig groß, athletisch und doch schlank, vielleicht Mitte Vierzig oder etwas älter, griechisch-schön … Und auch dieser auffällig attraktive Mann trug einen Anzug, dunkelblau, weißes Hemd, keine Krawatte, Einstecktuch in Paisley, schwarze Oxford-Schuhe. Nur, was war der Unterschied? Und warum, liebe Leser, ist mir dieser aufzuzeigen so wichtig? Nun … weil er die Welt bedeutet. Dieser andere Mann trug seinen Anzug wie eine zweite Haut, selbstverständlich, gelassen, unaufgeregt, latent würdevoll. Piotr hingegen platzte schier vor Stolz und hatte in geistiger Umnachtung wie Ahnungslosigkeit an seinem Ärmel ein Markenzeichen von Brioni, so ein kleines Stoffschildchen, eigens für jedermann sichtbar aufnähen lassen. 

Dieser andere Mann an der Bar, der übrigens, verfolgte man seine Blicke genauer, ein auffälliges Interesse an Piotr zu haben schien, stellte etwas völlig anderes dar, als eben Piotr. 

All das, all seine Unzulänglichkeiten, erahnte Piotr,  indes ohne Lehren daraus ziehen zu können. Seine Natur stand dagegen, versperrte ihm den Weg. Sie drängte ihn zwar nach vorn, nach oben, in schlüpfrige Träume hinein, in eine Welt des Mammons, ohne diesen aber begreifen oder gar schätzen zu können. Piotr war ein Parvenü.“

KAPITEL 3

DIE FALLE

Vier Merkmale fusionieren im Wesen einer Falle zu ihrer Charakterisierung. Fehlte auch nur eines dieser Merkmale, verdiente eine wahrhaftige Falle ihren Namen nicht. Es mag auch primitivere Arten von Fallen geben, einfache Jagdfallen etwa, aber diese entsprächen nicht dem Prädikat „wahrhaftig“. 

Zunächst haben wir die Falle selbst, als Apparatur oder Vorrichtung, als eine bestimmte Gegebenheit oder konstruierte Situation. Und immer, ausnahmslos, haftet diesem ersten Merkmal die Eigenschaft des Verborgenen an, der Täuschung, des Scheins. Ohne Täuschung keine Falle. 

Eine Ratte – obgleich gerade diese Tierart dafür bekannt ist, Fallen zu erspüren – freut sich diebisch auf das duftende Stück Fleisch – und Zack ! – schnappt der eiserne Bügel mit atemberaubender Schnellkraft katapultierend zu und nagelt das Tier förmlich fest. 

Mit der Ratte selbst haben wir schon einen Hinweis auf das zweite wesentliche Merkmal einer Falle, nämlich schlicht denjenigen, der in sie hinein tappen soll: das Opfer. Jenes kann ein Tier sein, muss es aber nicht. Fallen wurden, seitdem es sie gibt, auch für den Menschen ersonnen, auf dass er ihnen zum Opfer fallen möge. Eine verborgene  Tretmine etwa, oder eine Schussvorrichtung, auszulösen durch Kontakt per Stolperdraht, der ausgerechnet auf einem Rettungsweg lauert, um ein besonders perfides Beispiel zu geben. 

Womit wir bei Merkmal Nummer drei angelangt wären, dem Fallensteller. Es mag Jagdmethoden in der Fauna geben, die wie Fallen anmuten; wenn etwa Löwen jagen, treiben die Weibchen ihre Mahlzeit gern auf einen bestimmten Punkt zu, an dem bereits König Löwe begierig mit zum Bersten gespannten Sinnen und Muskeln tief ins Gras geduckt lauert, um im Erfolg versprechenden Moment loszuspringen. Aber dieser Art von Falle fehlt das tiefgründig Verschlagene, das Doppelbödige. Und das vermag nur der Mensch hervorzubringen, der Fallensteller. Oder Gott, wenn das Leben selbst eine Falle sein sollte. 

Indes, immer ist es ein komplexer Denkprozess, der Merkmal Nummer vier vorangeht, denn der Fallensteller muss sich in die Welt des Opfers versetzen. Und dieses dazu bringen, eine bestimmte Aktion zu tun, etwa einen vom Fallensteller gewollten Weg zu gehen oder Handlungsakt zu vollziehen. Er kann dabei nicht auf den Zufall bauen, wenn Zeit eine wesentliche Rolle spielt. Und deshalb ersinnt der Fallensteller Merkmal Nummer vier: einen Köder.

Fassen wir zusammen. Vorrichtung oder konstruierte Situation, die Falle selbst, dann das Opfer, nun der Fallensteller und schließlich der Köder. Erst jetzt verdient eine wahre Falle ihre Bezeichnung.

Stellen wir uns vor, liebe Leser, das Leben selbst wäre eine Falle und Gott hätte sie ersonnen. Eine Falle, aus der es kein Entkommen gibt, oder nur ein den Aggregatzustand veränderndes, absolutes. 

Man schwimmt da so als Samenzelle inmitten vieler Millionen weiterer, wie ferngesteuert, angetrieben, beseelt von nur einem Ziel, diese verdammte Membrane zu durchstoßen, um anzukommen, und bevor man weiß, was geschieht, wird man geboren, und aus der Nummer kommt man nicht mehr raus. Bis der Fallensteller, Gott, sich genug gelabt hat deinem Glück oder Unglück, Erfolg oder Misserfolg, Seelenheil oder Seelenschmerz, und der Tod dich ereilt. Die ultimative Falle. Doch was verwendet Gott als Köder? Richtig … denn ewig lockt das Weib. Die ultimative Falle bedarf auch eines ultimativen Köders. 

Nichts Geringeres fügte sich an jenem Abend in der Hotelbar des Rafles Europejski. 

Was einigen Gästen unangenehm aufgestoßen sein mag, war die laute, plebejische Art jenes dunkelhaarigen Parvenüs, Piotr wurde er gerufen, der so tat, als gehörte ihm die Welt. Dessen Blick gierte ziellos umher und verfing sich stets in den Schamgegenden der anwesenden Frauen. Offen und anstößig starrte er auf alles, was nach „spaltbarem Material“ aussah, während er nicht bemerkte, wie ihm der Sabber aus den Mundwinkeln floss.

Plötzlich tat sich etwas im Raum. Eine Veränderung wurde spürbar. Die Temperatur schien schlagartig um zwei Grad gestiegen zu sein, die Blicke der Gäste, aller Gäste, flirrten irritiert in eine Richtung, bündelten sich als energetisches Staunen, als ein ehrlicher Strahl der Verblüffung, ja, der Hilflosigkeit. 

Ihr blondes, schulterlanges Haar schien jenes der Lorelei nach Heinrich Heine gleich zu sein, denn wer es unbedacht ansah, war paralysiert von der Wucht an Schönheit. Ihre Augen, strahlende Reminiszenzen Eva‘scher Verlockung, türkis-grüne Lagunen. Sie war vom Schicksal mit einer physiognomischen Symmetrie bedacht worden, die jeden Betrachter in Bann zog. Ihr Gang vereinte Feenhaftes mit Königlichem, Unschuldiges mit Aufreizendem, und alles geschwängert mit purer Weiblichkeit. Ihr Kleidungsstil, vollendet. Sie trug ein smaragdgrünes, hautenges Kleid, knielang, dazu beigefarbene Pumps, und eine ebenfalls beigefarbene Kashmir-Stola um die Schultern gelegt. Ihr Busen zeichnete sich ab, ohne aufdringlich zu wirken. Keine Frage, diese Frau, diese Erscheinung, in der sich die Blicke der Bargäste trafen, würde der gefährlichste Hochzeitsgast sein, der vorstellbar war. Keine Braut könnte sich wohl fühlen angesichts dieser betörenden Schönheit, denn in jedem Manne würde sie dessen natürlichen Instinkte entflammen, und sei es nur für Momente. Und immer sind es Momente, die entscheiden …

Piotr stand keine drei Meter von ihr entfernt, und als die Schönheit näher kam, der Bar entgegen, traf ihn von ihr ein Augenaufschlag, dem er nicht gewachsen war. 

Sein Blick verkrampfte sich, sein Glied schwoll an, und in Piotrs Atem pulsierte Gier und Wolllust. Er wollte sie bespringen, hier und jetzt, spürte aber zugleich eine Ohnmacht, die ihn packte und quälte. 

Die Frau ging an ihm vorbei, drückte sich entschuldigend an anderen Gästen vorüber und der Bar entlang, dem hinteren Viertel zu. Dann umarmte sie jenen attraktiven Mann, der aufrecht in einem unverschämt gut sitzenden Anzug die meisten Anwesenden überragte und souverän in sich ruhte. Neidvolle Blicke, perplexes Staunen, die Atmosphäre trieb einem Fulminationspunkt zu.

Ein neuer Gast, der soeben die Szenerie betreten hatte, sollte daran maßgeblich Anteil haben. Stiernackig, der glatzköpfige Hüne, zwei Meter groß, verknorpelte Ohren, was auf einen Ex-Ringer schließen ließ. Eingezwängt in einen zu engen Anzug minderer Qualität schien er beinahe vor Muskelmasse und Testosteron zu platzen. Ja, dieser Mann strahlte Bedrohlichkeit aus, wenn auch nur körperliche, rohe.

Piotr duckte sich instinktiv weg, denn körperlich starke Männer flößten ihm Angst ein. 

Doch der Typ drängte sich ohnehin ungeniert an ihm und anderen vorbei, der Bar entgegen. Dort machte er erst halt, als er bei den Edelhuren angekommen war und herrisch einen doppelten Wodka bestellte. Dieser grobschlächtige Mann passte in die Bar wie Blausäure in Babynahrung. So verging eine knappe  Viertelstunde.

Und dann, nach dem dritten Wodka, packte dieser Typ eine der Edelhuren am Handgelenk, presste sie an sich und zischte ihr feindselig ins Ohr. Was, konnte wohl nur sie selbst verstehen, aber daraufhin brach sie in Tränen aus. Jeder in der Bar beobachtete, teils offen, teils verstohlen, die Szene.

Nun schlug der Kerl die Frau, woraufhin ihre Kollegin anfing zu schreien. Ein kurzer Griff in den Nacken, und schon donnerte sie blanken Gesichtes auf den Tresen. Blut  spritzte und floss.

Entsetzen machte sich in der gesamten Bar breit, Lähmung. Auch Piotr vergaß vor Schreck seinen nächsten Schluck vom Drink.

Dann geschah Unglaubliches. Nur eine Sekunde später stand der elegante Begleiter der Lorelei hinter dem Hünen, trat diesem gezielt ins Gemächt, und, als der Hüne schmerzvoll in die Knie ging, schlug ihm mit dem rechten Ellenbogen wuchtig aufs Ohr. Der Hüne brach zusammen, blieb bewusstlos liegen.

„Call the police, put out the waste of here“, sagte der Retter gelassen zum Barkeeper und spontaner Beifall der Gäste brandete auf. Auch Piotr bekam den Mund nicht mehr zu. Er war begeistert, neidvoll angetan, er war … interessiert.“

KAPITEL 4

SITTENGEMÄLDE

„Artur kredenzte seit der Neueröffnung des Rafles Europejski Drinks hier an der Lobbybar. Und in der Tat hatten sich auch besondere Ereignisse in sein Hirn gebrannt. Da war zum Beispiel jene amerikanische Pop-Diva, die die gesamten Vorräte an Champagner für ihre Entourage, Dutzende Lakaien, die sie auch so behandelte, leer gesoffen hatte.

Oder jener Abend nach irgendeinem Fußballspiel, als ukrainische Hooligans randalierten. Was für ein Chaos. Und der Abend, als hier ein berühmter Schauspieler verhaftet wurde, blieb Artur ebenfalls im Gedächtnis. Was für ein Trubel. Welch hetzende Medienmeute, Paparazzis im Pulk. Ja, es war schon einiges Denkwürdiges passiert, hier im Europejski.

Doch verglichen mit dem, was sich heute Abend hier abspielte, life vor seinen Augen und Ohren, hatte er noch nie erlebt, nicht mal im Kino oder Fernsehen. Obwohl eine Szene als Andeutung ihm vor Augen stieg. Nicht, dass es sich um ein Gleichnis handeln würde, aber es gab Parallelen. Es war die Anfangsszene aus Hollywoods Meisterwerk „Schindlers Liste“. Darin  vereinnahmte Oskar Schindler, der Hauptprotagonist des epischen Films, innerhalb kürzester Zeit ein ganzes Tanzlokal in Krakau für sich und feierte an einer großen Tafel mit Nazi-Schergen, hochrangigen SS-Offizieren und einem guten Dutzend Huren. Eine Orgie, ein Gelage, geeignet, Gomorra‘s Fäulnis zu beschreiben, und Walhallas Kraft. Ja, tendenziell fühlte er sich durch das, was er hier und heute vor seinen Augen sah, an jene Szene erinnert. Und doch besaß diese hier mehr Wucht, mehr Tiefe, mehr Verästelungen, war ein eigenes Universum. Eins der Moderne. Und Artur war dabei.

Zugegeben, die Stimmung des Abends war von Anfang an besonders gewesen, selten, geprägt durch die schiere Vielfalt an Prominenten, die hier zugegen waren. Ein Sammelsurium an Politikern, Schauspielern, Wirtschaftsgrößen, Medienleuten, wenn auch nationaler Bedeutung. Und dann erschien diese Schönheit, jenes göttliche Geschöpf, dessen Anblick Arturs gelebte Tage in wertlose und den einen bedeutsamen teilte. Und dann dieser Typ. Ein Mann aus einer anderen Welt. Der schließlich die beiden Huren von jenem Monster in Anzug durch blitzschnelle wie gezielte Schläge unerwarteter, kompromissloser Wucht gerettet hatte. Und nun … tja … und nun hing diesem Mann der ganze Raum an den Lippen. Ein paar zusammengeschobene Tische, die Sessel und Stühle völlig chaotisch verstellt, Hauptsache nur in der Nähe dieses Mannes, der Raffael hieß. Und ähnlich wie einst Oskar Schindler hatte er alles auftischen lassen, was im Europejski verfügbar war. Champagner, Kaviar, exotische Früchte und Drinks jedweder Farbe, jedweden Geschmacks. Waren es vielleicht hundert Menschen, die sich so um ihn drängten, während die unsägliche Schönheit an seiner Seite ihm einen multiplen Glanz verlieh? Der Pianist klimperte gerade Frank Sinatra und im Chor erscholl es soeben: „New York, New York“, während dieser schmierige dunkelhaarige Politiker der PiS – wie lautete gleich sein Name? Piotr? – Raffel laut mitsingend umarmte.“

KAPITEL 5

VOR DER KOMPROMITTIERUNG 

„Im Gegensatz zu den meisten anderen Bereichen des Europejski unterscheiden sich die Toiletten der Lobby nicht sonderlich von konkurrierenden erstklassigen Hotels. Dem Bristol etwa, dass sich gleich vis-a-vis befand. Standard auf olympischem Niveau. Hochwertige Keramik, Marmor, viel Spiegel, ein größerer Hauch von Luxus. Und eine gewisse Geräumigkeit, so dass sich zwei ausgewachsene Männer bequem darin aufhalten konnten. Gleichzeitig. „Um was zu tun?“, könnte die konsequente Frage eines jeden gesunden wie seriösen Menschen lauten. Was sollten zwei Männer gemeinsam auf einer Toilette veranstalten? Welche Abart der Hölle könnte sich in einem solchen Umstand mitteilen? 

Für gewöhnlich lasse ich, lieber Leser, der Fantasie freien Lauf, doch stoppen Sie Ihr Kopfkino und fragen sich stattdessen, was Sie dazu bewegt hat, schmutzig zu denken? Denn Piotr mag zwar die schmierigste Ratte, der egoistischste Heuchler, der korrupteste Politiker Polens sein, aber abnormal ist er nicht. Wenn man von seinem Laster täglichen Kokainkonsums absieht. Und auch jetzt, mit diesem vor gesunder Männlichkeit nur so strotzenden Beau hier auf dem Lokus, fischte Piotr geschickt ein kleines Tütchen aus seiner Hose, schüttelte es ein paar mal, öffnete es vorsichtig, streute dann den weißen Inhalt auf den Klodeckel und zerhackte das zutage geförderte Zeug mit einer Kreditkarte. Geübt und flink, als wäre er ein Koch, der soeben vor seinen Gästen ein Filet zu feinstem Tatar verarbeitete, richtete er schließlich zwei fette Lines an. Dann schaute er kniend wie stolz zurück über seine Schulter zu Raffael, und bemerkte dabei nicht, wie dieser gerade noch sein Handy versteckte, mit dem er die Szenerie gefilmt hatte. 

„Take it, Raffael“, sagte Piotr gönnerhaft. 

„Ladies first“, entgegnete Raffael, bereit, seine Kamera erneut und unbemerkt einzuschalten.

Piotr drehte sich wieder um, zückte einen Geldschein, rollte diesen und sog sich das weiße Monster hälftig durch beide Nasenlöcher. 

„Aaahh“, stöhnte er auf.

„The cocain is amazing!“

Nun hockte sich Raffael nieder und tat so, als würde er ebenfalls das Pulver inhalieren. In Wahrheit aber sog er nicht, sondern pustete mit einem kräftigen Stoß und vom taumelnden, benebelten, völlig betrunkenen Piotr unbemerkt, das weiße Zeug einfach weg.

Auch Raffael stöhnte auf, aber theatralisch.

Dann verließen die beiden Männer das Klo und während Piotr kaum mehr wusste, wo er war, lächelte Raffael wissend um den Sprengstoff in seinem Handy. Er hatte seine erste Etappe erreicht. Bald würde er – gegen jeden zu erwartenden Widerstand – im Windschatten eines aufstrebenden Staates das Wasser der Siren produzieren.“

Vom Übel der Nachrede

Großes wohnt den Menschen inne: Die vom Schöpfer oder der Schöpfung dargereichten Gaben der Liebe, der Kunst, der Sanftmut, der Kompromissfähigkeit, des Mitleids auch, oder die Fähigkeiten, über sich hinaus zu wachsen, Mut freizulegen, Ängste zu überwinden. Und vergessen wir nicht die seltene Fähigkeit – vielleicht die edelste unter allen, die menschlichste auch – des Verzeihens, des Zurücktretens vor anderen, des Obsiegens der Vergebung über Eitelkeit und Stolz. 

Ja, Großes wohnt den Menschen inne. 

Und Kleines. Schwaches. Erbarmungswürdiges. 

Was wird bleiben, außer Asche und Staub, vom Denunzianten? Vom Rachelüsternen? Von der Eifersüchtigen? Dem Mobber? Oder der Intrigantin?

Dankbarkeit in der Menschen Herzen? Eines betreffenden Seele wärmende Erinnerungen? Sehnsucht und süße Trauer? Der Wunsch, sich einander im Paradiese wieder zu finden? 

Fragen, die keiner Antwort bedürfen, sind nur als Fragen konzipiert; erkenne dich selbst, heißt es bei Chilon von Sparta. 

Wie ein Kainsmal tragen die kleinmütigen Neider die Herrschaft ihrer Ängste, ihres Hasses und Schwächen zur Schau; nicht ostentativ, unwissend. Sie sind, was sie sind: klein. 

Es mutet widersprüchlich an, doch im Denunzianten, oder jenem, der anderen übel nachredet, nichts Freundliches jedenfalls und in böswilligem Gewand, offenbart sich im Moment des Aktes seiner Tat das Eingeständnis einer Niederlage, seiner erbarmungswürdigen Schwäche, sein oder ihr hilfloser Schrei nach Irgendwas. 

Hetze muss sich nicht zwangsläufig ohne der Wahrheit Fundament entblößen, aber sie entbehrt jedweder Größe, jedweder Eigenschaft wie eingangs aufgezählt. 

Wer etwa übel nachredet, schaut eben dabei immer nach oben, nie nach unten. Ohne es zu verstehen oder ändern zu können, belegt der Hetzer seine moralisch unterlegene Position. Und seine charakterliche.

Hetze und mangelnde Größe gehen Hand in Hand. Kein aufrichtiger Mensch wird übel nachreden; er ist in evolutionärem Sinne über diese Stufe der Schwäche hinaus. Er ist integer. Und zeichnet sich auch dadurch aus, seinen Stolz – selbst im Sturm der Verleumdungen – zu verdrängen und Mitleid und Vergebung zu erwidern. 

La vie est belle

„Wo steuern wir hin?

Ist des Meeres Brandung unser Weckruf?

Eine Einladung, hinauszufahren in die schiere Endlosigkeit, hoffend auf Dryland?

Und wenn ja, was sollte das sein? Dryland? Eine paradiesische Fata Morgana? Insel der Glückseligkeit? Etwas, wonach es sich  zu streben lohnt, als sei es die Verheißung schlechthin? Ein Sterbebett ohne Schmerzen und Furcht? Einen Raum ewiger Liebe? Kontinuum des Schönen? Angstfreie Sphäre?

In den Horizont zu spähen, welch‘ Narretei, wartete der Himmelsrand nicht mit unwiderstehlichen Verlockungen auf. Denn wenn, wie gemeinhin behauptet wird, der Weg das Ziel ist, möge er ewig dauern. Im Unerreichbaren liegt solche Kraft; ob Sehnsucht, Ehrgeiz oder Drang, die Treibstoffe des Lebens müssen – ein wenig – unerfüllt bleiben. Oder sie enden.

Scherben, im Moment ihres Entstehens, dünken chaotisch. Man weiß nie genau wohin sie im Bersten fliegen. Aber wenn es stimmt, dass Chaos nur eine Art unentschlüsselte Genialität ist, ist Liebe der Sinn, der alles zu fügen vermag.“

ÜBER DAS SCHICKSAL, ZU WISSEN, UNWISSEND ZU SEIN

Neulich bemerkte ich einen Bettler, der in einer Eingangsnische außerhalb eines leerstehenden Restaurants hauste. Er, ein junger Kerl, augenscheinlich keine Dreißig, mit grün gefärbten Haaren, hatte sich eine Art Verschlag aus wohl geklauten Einkaufswagen, Plastikplanen und Decken zusammengeschustert. Erinnerungen keimten auf; als 9jähriger hatte ich mir Ähnliches gebastelt, und mir dabei vorgestellt, ein Indianer zu sein. Ein Guter. Selbstredend vermochte ich es in meiner kindlichen Vorstellung, rücklings ein Pferd zu reiten, schnell wie der Wind, und einem bösen Cowboy auf hundert Schritt einen Pfeil zwischen die Augen zu jagen. Klar.

Zeitig belesen, war ich beseelt von Harka Steinhart, Sohn des Mattoutaupa, einem Sioux-Stammeshäuptling, dem Kriegshäuptling der „Bärenbande“, und eine dichterische Erfindung von Liselotte Welskopf-Henrich. Einfach wunderbar.

Der Bettler mit den grünen Haaren sah gequält aus, geschafft, kränklich. Aber nicht er fesselte meine Aufmerksamkeit, er oder sein unübersehbares Elend, und auch nicht die seltsame Konstruktion seines zugigen Zuhauses, nein, dafür sein Hund. Eine Promenadenmischung, halbgroß, schwarz, entspannt wedelnder Schwanz, lachende, quicklebendige Augen. Das Tier strahlte auch nicht die typische hündische Unterwürfigkeit von Artgenossen aus, sondern einfach pure Lebensfreude. Der Hund schien glücklich zu sein.

Ich passierte das Sittenbild innerhalb weniger Sekunden, aber es reichte, um zu wissen, dass es mitunter besser ist, nicht zu wissen, wer man ist. Wie der Hund.

Unwissend  zu bleiben, sogar dumm, kann vor zerfressender Selbsterkenntnis schützen. Der Bettler war offensichtlich, trotz seiner erbärmlichen Situation,  klug genug zu wissen, in welchem Elend er sich befindet. Zustand, Habitus, Augenausdruck sprachen eben dafür. 

Im Wissen liegen eben nicht nur Macht und Können, sondern auch Ohnmacht und Unfähigkeit. Zu wissen, wer man ist und dabei konstatieren zu müssen, nicht zu vermögen, kann bei ambitionierten Charakteren zu Verdammnis führen.

Als Hund oder – um auf den Menschen zu kommen – oberflächliche, geistig beminderte, empathielose „Amöbe“ hingegen lebt es sich doch viel einfacher, sogar schöner/besser, weil der Amöbe Maßstab des Schönen/Besseren bescheiden-limitiert skalierbar ist; eine solche menschliche „Amöbe“ weiß nicht, was Verdammnis ist, geschweige denn, was ein solcher Abgrund wirklich bedeutet. Sie weiß allenthalben zwischen heiß und kalt, süß und salzig, gut und böse zu unterscheiden. Bei „schön“ und „hässlich“ hört es indes schon auf, denn die Bedeutung des Goldenen Schnitts wäre für die „Amöbe“ ein unentschlüsselbares Rätsel, ebenso wie die Schönheit im Hässlichen oder asymmetrische Harmonie.

Infrage stellender Tiefsinn ist ihr ebenso unbekannt, wie es ihr unmöglich wäre, des Künstlers Rebellion, dessen inneres Ringen zu begreifen. Allenfalls das Ergebnis, ein vielsagend-kraftvolles Bild etwa, ein Text gallileischer Offenbarungsweite, oder berührende Musik, führen im Unwissenden, im amöbengleichen Menschenwesen, zu einer es selbst verblüffenden Reaktion: Oh. Ah. Uff.

Es, das „Amöbenwesen“, lebt ein schönes Leben und wähnt sich einigermaßen blickig, weil es es nicht besser weiß.

Ist der Mensch indes keine „Amöbe“, sondern schlimmenfalls ein nicht unkluger Bettler, vielleicht sogar ein Diogenes, muss für diesen die Hölle zutage treten. Auch, wenn er es nicht zugeben mag.

Sonate vom geliebten Feind, in drei Passagen

I

“Wie kann es sein, dass du bist, was ich nicht ertrage? Dass du denkst, was nicht gedacht werden darf? Und begehrst deines Nächsten Weib? Dessen Hab und Gut? Wie ist es möglich, dass du schreibst, was verbrannt werden sollte?

Ist von Erz die Substanz deines Herzens?

Wie, da du Worte findest, die meins öffnen ..? Worte, die meinen Verstand untergraben … mich ins Wanken bringen, und doch so schön wie verzaubernd meine Seele streicheln? Bist du mein Gewissen, meine Sehnsucht oder doch der Teufel im Engelsgewand? Eine Prüfung vielleicht? Und wenn ja, von wem? Oder bist du eine Laune der Natur, die die schönste Poesie und wahrhaftigste Wahrheit in Windiges transformiert?

Du hast Unrecht, mein geliebter Feind. Du hast Recht, du Teufel. Ich verachte dich, du Subjekt meiner Begierde. Du bist, was ich nicht sein darf, du schreibst, was unmöglich geschrieben werden kann. Du hoffst, dass das, was du prophezeitest, wahr wird. Und ich hasse dich dafür. Und meine Begierde verschlingt mich, denn du bist überall. Und zeigst mir meine Erbärmlichkeit. Meine Schwäche. Gipfelnd in unendlicher Liebe. Zu dir.“

II

„sorg‘ dich abwärts, leb’ hinfort

an jenen tagen

da sich öffnen erschaudernd’ augen

entsetzensnah

die erblicken einen ort

des wüsten schlachtens

wo trauer wider hoffen kämpft

heute gegen morgen

da geschund‘ne herzen

blutleer ertragen

liebe ersehnen, ewiges leben

sich ob der tage allmacht plagen.“

III

„Vermisse ich, brenne ich. Nichts könnte gut genug sein, nichts schnell genug vergehen, und rein gar nichts vermöchte jenen Brand zu löschen, außer der Brennstoff meines Vermissens selbst, durch schieres Sein. So wie Feuer mit Feuer bekämpft werden kann.

Im Vermissen quillt die Kraft, Geduld zu üben, Zorn zu gebären, sich selbst zu finden, Liebe zu hinterfragen, von echter überwältigt zu sein und Empfindungen zu kontrollieren oder nachzugeben, auf dass die Hölle gebiert, der Himmel jauchzt – und sich das Oberste zum Untersten verkehrt. Vorstellungen wuchern in alle Richtungen, Vermissen ist des Dichters schöpferischer Quell, des Tors Droge, des Liebenden Menetekel, des Gierigen Ansporn, des Mörders Motiv, der Welten Antrieb für Sehnsucht und gute Taten.

Ich vermisse, ich fühle, lebe …; weit ab des Denkens, Ratio ist verbannt.

Und Pestilenz ein fernes Land.“

ÜBER DAS WASSER

ÜBER DAS WASSER

„Trivial, dem Wasser zuzuschreiben, dass es das Leben gebar und gebiert. Denn wer wüsste nicht, dass organische Existenz ihren Ursprung in H2O fand?

Aber … Wasser ist mehr, viel mehr als das menschliche oder alles andere Leben selbst.

Wasser löscht. Durst und Feuer. Und der Seefahrer Sehnsucht. Wasser fließt, ist Sinnbild ursprünglichster Bewegung, dynamischster Kraftexploration, Temperatur bedingter Transformation in eissteinernen Zustand, und – wie wir seit Charon wissen – auf dem Styx Medium an der Pforte vom Leben zum Tod.

Wasser ist Anlass zukünftiger Kriege, dessen reicher Vorrat Grund unermesslichen Reichtums, und Mangel an Wasser ist Ursache volkswirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Untergänge.

Wasser ist alternativlos.

Und nirgendwo sonst vermitteln unermessliche Wassermassen den Eindruck von Überfluss.

Wasser heilt, singt, schreit, flüstert, plätschert, grollt und tost. Wasser korrespondiert, mit Stürmen, als Spiegel für den Himmel, als Füllmasse zwischen den Kontinenten. Wasser trägt, verschlingt, es konserviert, transportiert, Wasser lebt.

Wasser ist eine irdische Dimension, ein Konzerthaus für das orchestrale Zusammenspiel zwischen Licht, Masse und Leben. Wasser ist fast ALLES.

Nur die Liebe, das Feuer und der Menschen kollektive Angst – wie wir seit Corona wissen – erreichen eine ähnliche Dimension …“

Поплављено

in deinem lächeln … die welt

wie in deinen tränen

blick zurück, das alte schlucht’ge land

dorten’s dir missfällt

berge lasten dich, freuden erweichen

so jede zeit, auf ihre weise, scheint wie musik, oft laut, dann leise

bis sie sich gleichen

trag‘ dich fort von hier

unbekannte orte sind’s

süße winde betten uns

betäuben alle sinne

seh‘ dich im sonnenreigen

schmeck‘ dich im farbenlicht

tast‘ nach dir

und alle wasser fluten mich

услиши нас
https://www.youtube.com/watch?v=wGc0aHEQDUA

Apokalypse, Narretei und Surreales

Trinken wir besten Wein, essen delikat, tauschen wir uns nochmal tiefsinnig aus, halten unsere Hände, lesen wir uns gegenseitig vor, oder träumen wir zusammen von Licht und Sonne, vom Meer und Lavendelfeldern, schönen Gerüchen und üppig-satter Vegetation in malerischen Tälern. Oder tauchen wir in einen Serien-Marathon, vertraut wie intim nebeneinander sitzend, liegend, ganz gleich … oder plaudern wir bis der Arzt kommt und leeren eine Flasche Wodka, Beluga etwa, eisgekühlt freilich … Vielleicht ziehen wir verbotenerweise eine Line sauberes Koks? Erkunden gemeinsam erotische Gipfel? Oder – wäre es nicht am Besten? – wir machen alles davon?

Denn die Apokalypse ist nah, das Jüngste Gericht, Armageddon zieht auf, der Teppich des Todes breitet sich Finsternis bringend über alle Lande des Erdballs. Kein Morgen, das Ende ist … da.

Zumindest könnte man den Eindruck gewinnen, denn vom medialen, Panik verbreitenden Viren-Ticker zur zusammenbrechenden Weltwirtschaft mit die menschlichen Grundfeste erschütternden, vielleicht zerstäubenden, Folgen, spinnt sich ein kausaler Faden.

Investitionsfonds hören nicht auf, in Projekte die die Wirtschaft – und damit alles Leben- am Laufen halten, zu investieren wegen eines Virus, der wohl bei Lichte betrachtet nicht so gefährlich ist wie AIDS oder Alkoholismus, sondern wegen der Unsicherheit der Menschen, deren panisches Gebahren, das alles Gängige auf den Kopf stellt. Ein Verhalten, das als unmittelbarer Reflex auf den sich überschlagenden, in vermeintlichen Hiobsbotschaften übertreffenden Mediensturm zu werten sein könnte.

Freunde der Mathematik, des Pragmatischen, mögen sich entsetzt wie paralysiert den Auswüchsen medialer Raserei und hypochondrischer Massenpanik dreingeben, unfähig, der Vernunft eine Stimme zu verleihen. Aber in seltener Klarheit entlarvt sich die tödliche Schwäche unserer modernen Zivilisation, die sich in elementaren Abhängigkeiten mammonscher Couleur und Massenmedien-Berieselung erstiegen hat, global geknüpft, und unfähig scheint, diese Schwäche und ihre Folgen zu begreifen.

Vernunft, Gerechtigkeit und Moral als Codex sind die Lippenbekenntnisse der Moderne. Der Demokratie. Der Demokratievertreter. Und vor allem der Medien. Denn gelebt wird anders.

Ohne Sinn und Verstand erzeugen Medien Meinungen, die massiven Einfluss auf alles Leben haben.

Kriege, Flüchtlingskrisen, öffentliche Meinungen, die schlimme Konsequenzen zeitigen, und jetzt ein pandemisches Virenszenario hysterisch orchestriert … die Medien – ob gewollt oder nicht – lenken Leben. Kompetenzlos, ohne es zu können. Denn nur die Quote zählt. Diese Medienkultur ist der Preis der Demokratie. Und der könnte die Demokratie kosten. Ein Paradoxon.

Achilles‘ Vermächtnis

“Dahingesagt, windig, Worte ohne Wiederkehr.  Die Inseln der Ägäis, wie von Götterhand gewürfelt, stören sich nicht an Winden und Stürmen. Auch nicht an den Menschen, die auf ihnen leben.

Was bleibt, ist, was diese treibt. Und dennoch tragen Worte wert, wenn sie korrespondieren, Taten also, vermitteln … deren Sinn, entzweifeln.

So begab sich Achilles auf eine Reise, die auf Worten ritt. Wiederkehr, ausgeschlossen. Es dämmerte, als er aufbrach; Mondschein verband sich mit den ersten Sonnenstrahlen, als Fusion, als den Kreislauf des Lebens vermittelndes Licht, das sich auf Achilles Gesicht legte und dessen Entschlossenheit akzentuierte. Sein Gold, das er bis zu jener Stunde des Wandels angehäuft hatte, begrub er, indes nicht, ohne die Stelle zu markieren, auf dass er es wiederfände, kehrte er vielleicht doch, wider die halbgöttliche Prophezeiung mutternder Mahnung, dereinst zurück. Achilles, in den Schultern und Armen stark wie Jason, im Kopf so klug wie Nestor, groß gewachsen, mit Beinen wie aus gedrechseltem Elfenbein, befähigt eines federnden Ganges, holte er raschen Schrittes aus, schaute aus ozeanblauen Augen zurück, hinter sich, zum Portal seines Hauses, sich dabei eine Strähne des schulterlangen, sommersonnenblonden Haares zurückstreichend, zum vorläufigen Ende eines Lebensabschnittes. Er wusste wahrlich genau, warum er nun fortging um zu finden, was er eigentlich nicht suchen wollte, weil er es – entsprechend seiner „DNA“ – für selbstverständlich hielt, für täglich Brot, für sein Alles: Ruhm, Anerkennung, die Macht, zu lenken tausend Hände. Und genug Gold, diese zu bezahlen.

Sein Ende, bekannt, dank Homers Ilias. Und es hallt nach bis ins Jetzt …

Zu erschaffen, was uns treibt, bedingt, zu verlassen, was wir sicher glauben.

Achilles hatte eben dies erkannt. Und trotz des Wissens, beim Erschaffen der Erfüllung seines Traumes von Ruhm, Ehre, Macht und Gold im Überfluss, zu sterben, ging er diesen Weg.

Herr über Leben und Tod so vieler Zeitgenossen mag er gewesen sein, furchteinflößend … man sagte gar, fähig einen Mann mittlerer Größe wie Leinen zerreißen zu können … aber von ihm wissen wir, dass Stillstand zwar Leben bedeuten kann, aber Wagnis, Einsatz, Mut bis in den Tod, die Zukunft zu knüpfen vermag.“