O Theós chorévei

„So nahm ich den Korb zur Hand, schritt auf die Apfelbaumreihe am Rande des goldrotgelben Weizenfeldes zu, das im Lichte der sinkenden, purpurner Wolken umrahmten Abendsonne wie ein marmornes Plateau zu Füßen des Olymp anmutete, und suchte mir das Gewächs mit dem ausladendsten Astwerk und scheinbar größten Äpfeln heraus. Majestätisch und ruhig schien es mir. Ruhig aber nicht still. Ich hielt inne, ein Dutzend Schritte entfernt. Betrachtete den Baum. Auch in ihm erkannte ich die sinkende Sonne. Denn eine Patina hatte sich als dunkelnder Sonnendunst über ihn gelegt, so dass nicht zu erkennen war, ob seine Rinde das satte Schwarz eines altersreifen Exemplares trug, oder ein noch nach Erfahrung gierendes Braun.

Ich spürte Bedauern, dass keine Bank vorhanden war, um den Baum wie eines der Gemälde im Louvre im Sitzen betrachten und zeitverträumt en Detail entdecken zu können. Und auf dem Boden sitzend wäre die notwendige Perspektive, Blickwinkel und Sichtfeld ideal aufeinander abzustimmen, unmöglich gewesen.

Also trat ich näher. Noch näher. Durchschritt eine unsichtbare doch auch unverkennbare Trennlinie, eine imaginäre Grenze, die die Privatsphäre des Baumes markieren mochte. Beinahe überkam mich Scham, doch überwog die Neugier und ließ mich auch die letzten Schritte tun …

Sanft legte ich meine Rechte an des Baumes Stamm. Wärme durchströmte mich, wohlig in ihrer Art, das Leben selbst im Gepäck. Daraufhin schloss ich meine Augen. Denn instinktiv erkannte ich, dass dieser Moment des Fühlens nur geschlossenen Auges würde verlängert werden können. Und ich wollte ihn noch ein Weilchen erhalten wissen. Unbedingt!

Tatsächlich aber sah ich nun mehr, viel mehr, in mich überkommenden, schier überwältigenden Wogen. Denn all jenes, was dieser Baum in seinem Leben jemals hätte bezeugen können, zeigte sich mir.

Ich konnte die Winde spüren, ihr Pfeifen und Rauschen hören, fühlte die Sonnenstrahlen, die der Sterne und des Mondes, und ich sah gute, bäuerliche Gesichter von Frauen und Männern, die in den Ästen des Baumes nach seinen Früchten gesucht hatten. Vögel auf Ästen wippend sah ich, schleichende Katzen, fallendes Laub, Blüten … Ich fühlte den Regen, spürte Schnee und Kälte dem Baume zusetzen, Hagelschauer, und wieder die wärmende Sonne. Und dann … dann sah ich spärlich bekleidete, ideal in Form und Bewegung aussehende Gestalten, wie sie auf dem nahen Weizenfeld wandelten, als wäre es tatsächlich ein Plateau aus Marmor. Ohne den Grund zu wissen, entfalteten sich vor mir die Götter. Ja, sie waren es. Athene sah ich, die liebliche Aphrodite, Diana mit ihrem Bogen, immer auf der Jagd … und ich sah Amor und Hermes, Ares und Bacchus, auch andere Götter, deren Namen mir nicht einfiel, und ein an seinem Dreizack zu erkennenden Neptun und sogar Zeus sah ich, alle in Menschengestalt. Sie wandelten, scherzten, tanzten, und dann … verschwanden sie in die Unendlichkeit …

Kraftvoll biss ich in den kurzerhand gepflückten Apfel, der vor Saft zu bersten schien. Ich lächelte, ließ den Korb fallen, wandte mich vom Baume ab, und schritt mit dem Wissen um die Welt entschlossen voran.“

Verstreut

schöner als der augenblick

der momente solotanz

auch der elfen reigen

und jener feuerbrünste manisch macht

die die menschen fliegen lässt

nicht selten auch verlacht

ja, schöner als die höchste kunst

flüsternd winde

kreiselnd welt

und mit ihr der flora leben

oder lockend geld

bist

so hämmert’s mir in herz und denken

du;

bin ich asche

ohne dich gewesen

tragt mich dorthin

wo du einst standst

deine spuren zu verwischen

und niemals verbandst

worum die herzen baten …

verstreut mich dann

als dünger

Ingo Rim Chudoba

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Quellen des Konvoluts …